Es gibt Momente, die dein Leben nicht langsam verändern.
Sondern mit einem Schlag.
Bei uns war es die Geburt unseres zweiten Sohnes.
Was als Routine-Untersuchung begann, wurde innerhalb weniger Minuten zu einer Intensivverlegung. Schläuche. Alarme. Ärztedeutsch. Drei Stunden Warten vor einer verschlossenen Tür. Meine Smartwatch warnte mich regelmäßig vor meinem eigenen Puls.
Ich war 40 Jahre alt.
Theologe.
Organisator.
Jemand, der Dinge regeln konnte.
Und plötzlich saß ich nachts allein im Klinikflur und wusste:
Ich habe hier nichts im Griff.
Der Turbo-Modus
Die Diagnose kam erst Monate später: Kabuki-Syndrom.
Fehlbildungen an Herz, Nieren, Verdauungstrakt. Weitere Baustellen. Ungewissheit.
Was macht man, wenn das eigene Leben auseinanderfällt?
Man macht weiter.
Wir zerlegten das Unfassbare in To-do-Listen.
Anträge. Pflegeorganisation. OP-Planungen. Gespräche.
Wir wurden zu Experten im Funktionieren.
Ich hatte in meinem Leben gelernt:
Wenn es schwierig wird, schaltest du den Turbo ein.
Du schaffst das. Du hältst das. Du regelst das.
Und erstaunlicherweise funktionierte das.
Nicht Wochen. Nicht Monate.
Sechs Jahre.
Herz-OPs. Intensivstation. Neue Krisen.
Und ich dachte: Solange ich funktioniere, geht es.
Was ich nicht merkte:
Ich hatte längst aufgehört zu fühlen.
Der stille Verlust
Erschöpfung kommt selten mit Ansage.
Sie franst dich aus.
Zuerst schlief ich schlechter. Dann kaum noch.
Kopfschmerzen. Dauerhaft.
Ich arbeitete weiter.
Als ich schließlich krankgeschrieben wurde, fiel ich nicht in eine Pause.
Ich fiel in ein Loch.
Und da passierte etwas, das mich im Rückblick mehr erschreckt als alles andere:
Ich verlor meinen Zugang zu Gott.
Nicht bewusst. Nicht mit Trotz. Nicht mit Protest.
Er erodierte einfach.
Mein Glaube war immer kognitiv gewesen.
Lesen. Denken. Verstehen. Predigen. Schreiben.
Und aktionsorientiert.
Gott diente man, indem man etwas tat.
Nun konnte ich nichts mehr.
Ich konnte keine drei Sätze lesen.
Ich konnte keine Gedanken festhalten.
Mein Kopf war voller Watte.
Und plötzlich stand ich da –
als professioneller Christ –
und hatte innerlich nichts mehr, woran ich mich festhalten konnte.
Kognitiv wusste ich: Gott ist da.
Aber das half mir nicht.
Wer bin ich ohne Leistung?
Eine zweite Erkenntnis traf mich noch härter.
Ich hatte immer gesagt – und auch gepredigt –
dass der Mensch nicht von Leistung lebt.
Dass Gottes Liebe voraussetzungslos ist.
Aber als ich nichts mehr leisten konnte, kam eine andere Frage hoch:
Wenn ich nichts mehr kann – wer bin ich dann überhaupt noch?
Ich hatte mich tiefer über das definiert, was ich tat, als ich je gemerkt hatte.
Nicht nur mein Körper war zusammengebrochen.
Ich selbst auch.
Wenn andere für dich glauben
In dieser Phase hat mich nicht ein starkes Gottesgefühl getragen.
Es waren Menschen.
Freunde, die nachfragten.
Gemeindemitglieder, die beteten.
Menschen, die nicht erklärten, sondern aushielten.
Und ich merkte:
Manchmal kann ich nicht glauben.
Aber andere können für mich mitglauben.
Das war keine theologische Theorie mehr.
Das war Überlebenshilfe.
Die Psalmen und ich
Erst in der Reha begann sich etwas zu verschieben.
Eine Therapeutin schlug vor, mit vorformulierten Gebeten zu arbeiten.
Tagzeitengebete. Psalmen.
Ich musste nichts Eigenes produzieren.
Ich musste keine frommen Sätze formen.
Ich durfte mich an Worte hängen, die andere vor mir gesprochen hatten.
Das war befreiend.
Später druckte ich Psalmen aus und schnitt Sätze heraus.
Sätze, die meine Erfahrung trafen.
Ich klebte sie zu einem eigenen Psalm zusammen.
Es war ungewohnt. Vielleicht sogar kindisch.
Aber es war meins.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich sagen:
„Gott, so ist es.“
Nicht geschönt. Nicht theologisch sortiert.
Sondern roh.
Und das reichte.
Ein anderer Gott
In dieser Zeit veränderte sich mein Gottesbild.
Früher hätte ich Gott vor allem mit „All-“ beschrieben:
allmächtig, allwissend, allgegenwärtig.
Das stimmt vielleicht immer noch.
Aber es trägt mich heute nicht mehr.
Was mich trägt, ist ein anderer Gedanke:
Wenn Gottes Ebenbildlichkeit nicht an meiner Leistungsfähigkeit hängt,
wenn selbst mein Sohn mit seinen Begrenzungen Ebenbild Gottes ist,
wenn ich auf dem Sofa liegend, unfähig zu denken, nicht weniger wert bin –
dann ist Gott nicht nur der Starke.
Dann ist er auch der Mitleidende.
Der Solidarische.
Vielleicht sogar – in einer geheimnisvollen Weise – der Gebrochene.
Das ist kein schwacher Gott.
Das ist einer, der mich kennt.
Und dieser Gott hat mehr Kraft für mein Leben als der all… Teflon-Gott,
an dem meine Gefühle einfach abprallen.
Was ich früher nicht gehört hätte
Manchmal werde ich gefragt:
Was hätte dir jemand früher sagen müssen?
Offen gesagt:
Ich weiß nicht, ob ich es gehört hätte.
Wir leben in einer Kultur – und oft auch in einer Frömmigkeit –
die uns subtil beibringt:
Du bist, was du leistest.
Du bist, was du beiträgst.
Du bist, was du bewirkst.
Aber das stimmt nicht.
Nicht vor Gott.
Und eigentlich auch nicht im Leben.
Vielleicht gilt das auch für dich
Vielleicht stehst du nicht vor einer Intensivstation.
Vielleicht hast du kein Burnout.
Das hoffe ich auf jeden Fall sehr für dich.
Aber vielleicht merkst du,
dass dein Turbo schon lange läuft.
Dass du kaum noch fühlst, wie es dir geht.
Dass du Gott nur noch funktional kennst.
Dann darf ich dir sagen, was ich erst lernen musste:
Dein „Normal“ ist nicht entscheidend.
Nicht deine Leistungsfähigkeit.
Nicht deine Produktivität.
Du bist entscheidend.
Mit deiner Situation.
Mit deiner Begrenzung.
Mit deiner Müdigkeit.
Und ich glaube ganz fest: Freiheit beginnt genau da,
wo du aufhörst, dich selbst zu überfordern.

Wenn dich die Geschichte dahinter interessiert: Im Podcast „Schiffbruch mit Jesus“habe ich ausführlicher darüber gesprochen.
Und wenn du lernen willst, wie kleine geistliche Pausen im Alltag helfen können, nicht erst im Zusammenbruch anzuhalten, dann findest du in meinem Buch „Einfach mal durchatmen“ konkrete Wege dafür.

Aber vielleicht reicht für heute erst einmal das:
Du musst nicht alles schaffen.
Und Gott wartet nicht darauf, dass du es tust.
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Bilder: Dall-E, Canva, Privat.