Ich konnte nicht mehr glauben. Was ich im Burnout neu über Gott gelernt habe

Kategorisiert als Erschöpfung & gutes Leben, Familie & Inklusion
Zerschnittene Psalmverse zu einem eigenen Gebet zusammengeklebt als Symbolbild für Glaube im Burnout - Heiko Metz

Falls du nur zwei Minuten hast:• Im Burnout kann der Glaube leise verschwinden, ohne Trotz, ohne Entscheidung. Das ist keine Charakterschwäche.• Wenn du selbst nicht glauben kannst: Andere dürfen eine Zeit lang für dich mitglauben.• Vorformulierte Gebete wie Psalmen tragen, wenn eigene Worte fehlen. Du musst nichts Neues produzieren.• Nach dem Burnout kann ein anderes Gottesbild wachsen: nicht nur der Starke, auch der Mitleidende, der dich kennt.

Es gibt Momente, die dein Leben mit einem Schlag völlig verändern. Bei uns war das die Geburt unseres zweiten Sohnes.

Was als Routine-Untersuchung der Hebamme begann, wurde innerhalb weniger Minuten zu einer Intensivverlegung. Schläuche. Alarme. Ärztedeutsch. Drei Stunden Warten vor einer verschlossenen Tür. Meine Smartwatch warnte mich regelmäßig vor meinem eigenen Puls.

Ich war 40 Jahre alt. Theologe. Organisator. Jemand, der Dinge regeln konnte. Und plötzlich saß ich nachts allein im Klinikflur und wusste: Ich habe hier gar nichts im Griff.

Heute weiß ich: In diesem Flur fing es an. Der lange Weg in den Burnout. Und das leise Verschwinden meines Glaubens.

Der Turbo-Modus

Die Diagnose kam erst Monate später: Kabuki-Syndrom. Fehlbildungen an Herz, Nieren, Verdauungstrakt. Weitere Baustellen. Ungewissheit.

Was macht man, wenn das eigene Leben auseinanderfällt? Man macht weiter. Wir zerlegten das Unfassbare in To-do-Listen: Anträge. Pflegeorganisation. OP-Planungen. Gespräche. Wir wurden zu Experten im Funktionieren.

Ich hatte in meinem bisherigen Leben erlebt und gelernt: Wenn es schwierig wird, schaltest du den Turbo ein. Du schaffst das. Du hältst das. Du regelst das. Und erstaunlicherweise funktionierte das auch dieses Mal. Nicht Wochen. Nicht Monate. Sechs Jahre … Herz-OPs. Intensivstation. Neue Krisen. Und ich dachte: Solange ich funktioniere, geht es.

Was ich nicht merkte: Ich hatte längst aufgehört zu fühlen. (Wie schleichend das geht, habe ich hier beschrieben.)

Der stille Verlust: mein Glaube im Burnout

Erschöpfung kommt selten mit Ansage. Sie franst dich aus. Zuerst schlief ich schlechter. Dann kaum noch. Kopfschmerzen. Dauerhaft. Ich arbeitete weiter.

Als ich schließlich krankgeschrieben wurde, war das keine Pause. Ich fiel in ein Loch. Und da drin passierte etwas, das mich im Rückblick mehr erschreckt als alles andere: Ich verlor meinen Zugang zu Gott. Nicht bewusst. Nicht mit Trotz. Nicht mit Protest. Er erodierte einfach.

Mein Glaube war immer kognitiv gewesen. Lesen. Denken. Verstehen. Predigen. Schreiben. Und aktionsorientiert. Gott diente man, indem man etwas tat.

Nun konnte ich nichts mehr. Ich konnte keine drei Sätze lesen. Ich konnte keine Gedanken festhalten. Mein Kopf war voller Watte. Und plötzlich stand ich da. Als professioneller Christ. Und hatte innerlich nichts mehr, woran ich mich festhalten konnte. (Was ein heilsamer Glaube ist, dazu hier mehr.)

Kognitiv wusste ich: Gott ist da. Aber das half mir nicht. Denn: Wer im Burnout den Glauben verliert, verliert nicht Gott. Sondern die Kraft, mit der er bisher geglaubt hat.

Wer bin ich ohne Leistung?

Eine zweite Erkenntnis traf mich noch härter. Ich hatte immer gesagt, und auch gepredigt, dass der Mensch nicht von Leistung lebt. Dass Gottes Liebe voraussetzungslos ist.

Aber als ich nichts mehr leisten konnte, kam eine andere Frage hoch: Wenn ich nichts mehr kann: Wer bin ich dann überhaupt noch?

Ich hatte mich tiefer über das definiert, was ich tat, als ich je gemerkt hatte. Und als ich es bewusst gewollt hätte. Nicht nur mein Körper war zusammengebrochen. Ich selbst auch.

Wenn andere für dich glauben

In dieser Phase hat mich nicht ein starkes Gottesgefühl getragen. Es waren Menschen. Freunde, die nachfragten. Gemeindemitglieder, die beteten. Menschen, die nichts erklärten. Die „einfach“ aushielten. Einer schrieb mir jede Woche eine kurze Nachricht. Keine Ratschläge, keine Erwartungen. Nur: „Ich denke an dich. Ich bete für dich mit.“

Und ich merkte: Manchmal kann ich nicht glauben. Aber andere können für mich mitglauben. Das war keine theologische Theorie mehr. Das war Überlebenshilfe.

Die Psalmen und ich

Erst in der Reha begann sich etwas zu verschieben. Eine Therapeutin schlug vor, mit vorformulierten Gebeten zu arbeiten. Tagzeitengebete. Psalmen.
Ich musste nichts Eigenes produzieren. Ich musste keine frommen Sätze formen. Ich durfte mich an Worte hängen, die andere vor mir gesprochen hatten. Das war unglaublich befreiend.

Wenn du nicht mehr beten kannst: Du musst nichts Eigenes produzieren. Die Psalmen leihen dir Worte, bis du wieder eigene hast.

Später druckte ich einige Psalmen aus und schnitt Sätze heraus. Sätze, die meine Erfahrung trafen. Ich klebte sie zu einem eigenen Psalm zusammen. Es war ziemlich ungewohnt. Vielleicht sogar kindisch. Aber es war meins. Und mein Projekt in der Kunsttherapie der Reha.

Als alles fertig verklebt war, las ich den entstandenen Text … und zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich sagen: „Gott, so ist es. So geht es mir wirklich.“ Nicht geschönt. Nicht theologisch sortiert. Sondern roh, so wie es in mir tatsächlich war. Und das reichte. Das tat sogar unglaublich gut.

Ein anderer Gott

In dieser Zeit veränderte sich mein Gottesbild massiv. Früher hätte ich Gott vor allem mit „all-Worten“ beschrieben: allmächtig, allwissend, allgegenwärtig. Und das stimmt vielleicht alles immer noch. Aber es trägt mich heute nicht mehr.

Was mich trägt, nachhaltig trägt, ist ein anderer Gedanke: Wenn meine Gottes-Ebenbildlichkeit nicht an meiner Leistungsfähigkeit hängt, wenn selbst mein Sohn mit seinen Begrenzungen Ebenbild Gottes ist, wenn ich auf dem Sofa liegend, unfähig zu denken, nicht weniger wert bin … dann ist Gott nicht nur der Starke. Dann ist er auch der Mitleidende. Der Solidarische. Vielleicht sogar, in einer geheimnisvollen Weise, der Gebrochene.

Das ist kein schwacher Gott. Das ist einer, der mich kennt. Und den darf ich anschreien voller Wut, weil meine Kraft einfach nicht mehr so zurückkommen will, wie sie vor dem Burnout einmal war. Dem kann ich alle Tränen zeigen, die mir die Wangen herunterrinnen, wenn unser Jüngerer wieder einmal ins Krankenhaus soll, Schmerzen ertragen muss, nicht so darf, wie er will und wir ihn darin begleiten sollen (während ich das schreibe, laufen sie übrigens auch, die Tränen) … Diesem Gott darf ich sagen: Mein Energielevel ist direkt nach dem Aufstehen schon minus drei. Und er lässt mich sein „Ich liebe dich so wie du bist. Und lass dich nicht allein.“ so spüren, dass ich es glauben kann.

Und dieser Gott hat mehr Kraft für mein Leben als der all… Teflon-Gott, an dem meine Gefühle einfach abprallen.

Was ich früher nicht gehört hätte

Manchmal werde ich gefragt: Was hätte dir jemand früher sagen müssen, damit es nicht so weit kommt? Offen gesagt: Ich weiß gar nicht, ob ich es gehört hätte.

Wir leben in einer Kultur, und oft auch in einer Frömmigkeit, die uns subtil beibringt: Du bist, was du leistest. Du bist, was du beiträgst. Du bist, was du bewirkst.

Aber das stimmt nicht. Nicht vor Gott. Und eigentlich auch nicht im Leben. Zumindest nicht in einem, das ich auch gern leben mag.

Vielleicht gilt das auch für dich

Vielleicht stehst du nicht vor einer Intensivstation. Vielleicht hast du kein Burnout. Das hoffe ich auf jeden Fall sehr für dich.

Aber du merkst, dass dein Turbo schon lange läuft. Dass du kaum noch fühlst, wie es dir geht. Dass du Gott nur noch funktional kennst.

Dann darf ich dir sagen, was ich erst lernen musste, und vielleicht kannst du es hören: Dein „Normal“ ist nicht entscheidend. Nicht deine Leistungsfähigkeit. Nicht deine Produktivität. Du bist entscheidend. Mit deiner Situation. Mit deiner Begrenzung. Mit deiner Müdigkeit.

Und ich glaube ganz fest: Freiheit beginnt genau da, wo du aufhörst, dich selbst zu überfordern. Aber vielleicht reicht für heute erst einmal das: Du musst nicht alles schaffen. Und Gott wartet nicht darauf, dass du es tust.

Zitat aus dem Podcast Schiffbruch mit Jesus über Grenzen und Freiheit - Heiko Metz

Ein Wort noch, weil es wichtig ist: Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst, im Turbo-Modus, im Nicht-mehr-Fühlen, dann warte nicht so lange wie ich. Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Und wenn du jetzt gerade jemanden zum Reden brauchst: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr für dich da, kostenlos und anonym, unter 0800 111 0 111. Das ist kein Versagen. Das ist ein erster Schritt.

Alles Weitere hat Zeit. Wenn du irgendwann weiterhören magst:

Im Podcast „Schiffbruch mit Jesus“ habe ich ausführlicher über die Geschichte hinter diesem Zitat gesprochen.

Zur Podcast-Folge: „Grenzen sind Freiheit“

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Häufige Fragen: Glaube im Burnout

Ein paar Fragen erreichen mich zu diesem Thema immer wieder. Falls du gerade nur kurze Antworten schaffst: Hier sind sie.

Kann man im Burnout den Glauben verlieren?
Ja. Bei mir geschah es ohne Entscheidung und ohne Protest: Der Zugang zu Gott erodierte einfach, weil keine Kraft mehr da war. Das ist keine Charakterschwäche und kein Abfall von Gott, sondern ein Teil der Erschöpfung. Kognitiv wusste ich die ganze Zeit: Gott ist da. Nur half mir das nicht.

Was hilft, wenn du im Burnout nicht mehr beten kannst?
Vorformulierte Gebete. Tagzeitengebete, Psalmen, Worte, die andere vor dir gesprochen haben. Du musst nichts Eigenes formen und keine frommen Sätze bauen. Mir hat eine Therapeutin in der Reha genau das geraten, und es wurde die Tür zurück.

Kommt der Glaube nach dem Burnout zurück?
Bei mir kam er zurück, aber anders. Der alte Glaube aus Lesen, Denken und Tun ist nicht wieder auferstanden. Was mich seitdem trägt, ist ein anderes Gottesbild: der Mitleidende, der Solidarische, einer, der mich kennt.

Wo findest du Hilfe, wenn du gerade mittendrin steckst?
Sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt, je früher, desto besser. Burnout ist ein medizinisches Thema, kein Glaubensversagen. Und wenn du jetzt gerade jemanden zum Reden brauchst: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr für dich da, kostenlos und anonym, unter 0800 111 0 111.

Mehr zum Thema: Erschöpfung & gutes Leben · Familie & Inklusion

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Bilder: Claude Design (Titelbild), Canva (Zitatgrafik).

Von Heiko Metz

Heiko Metz ist evangelischer Theologe, Autor und geistlicher Begleiter. Er schreibt über Alltagsmystik: eine Spiritualität, die in den ganz normalen Tag passt, statt ihn noch voller zu machen. Das Funktionieren bis zum Anschlag kennt er von innen: aus einem eigenen Burnout und aus dem Familienleben mit einem Sohn mit dem seltenen Kabuki-Syndrom. Was ihn trägt, ist ein Gott, der einlädt statt anzutreiben. Von ihm erschienen sind „Warten. Staunen. Bleiben." (2025) und „Einfach mal durchatmen" (2026); sonntags schreibt er den Newsletter „Stille Post", einmal im Monat spricht er im Podcast „Pausentaste" eine geführte Stille.

1 Kommentar

  1. Danke, Heiko!
    Vieles von dem kann ich genau so unterschreiben, habe ich ganz ähnlich erlebt.
    Es ist nicht einfach, die richtigen Worte zu finden.
    Du aber fasst das Erleben in der Depression (oder von mir aus auch im Burnout) wunderbar in Worte.

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