Kennst du das Freizeitloch? Kein Fachbegriff, eher ein Erfahrungswort: intensives Sommercamp, Gruppe, Gott, zu wenig Schlaf. Wer da mal als Mitarbeiter:in dabei war, weiß direkt, was ich meine. Warst du nie auf so einer Freizeit? Stell’s dir trotzdem vor. Aber was bitte ist ein Lebensloch? Als inklusive Familie kennen wir dieses Loch ganz gut … während meines Burnouts habe ich mich dort zeitweise sogar häuslich eingerichtet.
Was ist ein Lebensloch?
Ein Lebensloch ist das Loch nach der Krise: Die Belastung ist offiziell vorbei, von außen sieht alles wieder gut aus, und genau jetzt geht nichts mehr. Solange der Ausnahmezustand dauert, trägt dich meist die Anspannung. Manchmal reißt das Loch aber auch schon mitten in der Dauerbelastung auf, noch bevor irgendwas offiziell vorbei ist. Die Rechnung kommt spätestens, wenn du loslassen darfst. Das Wort steht in keinem Lehrbuch. Es stammt aus unserem Wohnzimmer.
Aber der Reihe nach. Erst das kleine Loch, dann das große.
Meine Freizeitlöcher
Ins Freizeitloch falle ich nach einer tollen, schönen, kraftkostenden, intensiven, lustigen, gotteserfahrungsreichen, schlafdefizitären, tiefgehenden, gemeinschaftsbildenden … Freizeit. Also früher zumindest, als ich noch auf Freizeiten gefahren bin. Als Teilnehmer, als Mitarbeiter, als Leiter … unzählige Freizeittage habe ich so angesammelt.
Eigentlich hatte ich mich auf zu Hause gefreut und darauf, in meinem „normalen Leben“ all das anzuwenden und Wirklichkeit werden zu lassen, was ich mit Gott erlebt und von ihm gelernt habe.
Aber auf einmal bin ich wirklich wieder zu Hause. Meine Wegbegleiter der letzten Tage auch. Nur halt woanders. Ich merke, wie müde und platt ich nach dieser Freizeit bin. Höre den garstigen Alltag wieder anklopfen. Sehe meine geistlichen Höhenflüge und Innigkeit mit Gott sich recht schnell in recht viel Rauch auflösen. Fühle mich irgendwie frustriert, leer. Und bin darüber wütend, dass es so ist, wie es ist. Außerdem fangen genau jetzt meine tausend einhundertfünf Mückenstiche an zu jucken. Und wo ich überall Sonnenbrand hab … du kennst das.
Das hat mich natürlich nie davon abgehalten, bald auf die nächste Freizeit zu fahren 😉
Freizeitloch ohne Freizeit
2019 gings mir erstmals irgendwie ähnlich. Nur ohne Freizeit. Ich sitze in einem Lebensloch. Die Hälfte der Familie war für ein gutes halbes Jahr im Krankenhaus. Das war zwar nicht so schön wie eine Freizeit. Aber kraftkostend, intensiv, gotteserfahrungsreich, schlafdefizitär, tiefgehend und auslaugend war es auch. Eigentlich haben wir uns neben der Verbesserung der Situation unseres Sohnes nur eines gewünscht: Dass wir endlich wieder zusammen sind als Familie, dass die Trennung und alles Negative endet, was damit einhergeht. Darauf haben wir gehofft, darum immer wieder gebangt und dann darauf hingefiebert, als es endlich Wirklichkeit zu werden schien.
Jetzt sind wir seit ein paar Wochen wieder zusammen und zu Hause als Familie. Darauf haben wir hin gelebt. Und es ist wunderschön!
Wir sitzen drin im Loch
Aber, ich hab auch das Gefühl, ich bin in ein ganz schön tiefes Lebensloch gefallen. Auf einmal müssen sich zwei Überlebensstrategien wieder zu einer verbinden. Man darf wieder zusammenleben. Und man muss auch. Halt sogar dann, wenn es schwierig wird, Stress gibt, Ansichten divergieren und man eigentlich Zeit bräuchte, um zu diskutieren, zu verstehen, einzufühlen und dann gemeinsam Kompromisse zu finden. Eigentlich.
Wenn die Situation mehr fordert, als wir noch zu geben bereit oder fähig sind.
Die Hypothek der letzten Monate ist groß. Beim Besuch am Nachmittag lässt sich die fehlende emotionale Spannkraft noch mit einem mehrheitlich gewollten Lächeln überspielen. Im Alltag nicht. Sprich: im Leben. Dazu kommen Medikamente, Termine, drei Ärzte mit fünf(-zehn) Meinungen, viel Orga-Kram, so was wie Haushalt und … man, man, man. Dieses Lebensloch ist tief.
Wir haben uns so aufeinander gefreut … und schaffen es jetzt nur sehr bedingt, das zu genießen. Manchmal erhaschen wir einen Moment, der es wirklich durch schafft bis in unser Herz. Dann ist die Freude groß und das Lächeln breit. Oft aber nur, um kurz darauf in einem allgemeinen Seufzen zu (ver-)enden.
Man ist mit der Gesamtsituation unzufrieden, die so belastend, anstrengend, fordernd, auslaugend … ist, dass sie das Schöne irgendwie verdeckt, vielleicht verschluckt, ja manchmal gefühlt geradezu einsaugt. Zwar ist das zusammen alles irgendwie besser auszuhalten. Aber mehr als aushalten ist es dann halt doch nicht.
Heute weiß ich: Genau da begann meine Erschöpfung. Da, wo aus Leben nur noch Aushalten wurde. Wo ich funktionierte, weil irgendwer funktionieren musste, und nicht mehr merkte, was mich das kostete. Kognitiv wusste ich das damals wahrscheinlich sogar. Geholfen hat es mir nicht.
Oder? Doof, so ein Lebensloch. Ziemlich doof sogar.
Ein Tag im Loch
Deswegen sehen unsere Tage nach dem viel zu langen Krankenhausaufenthalt 2019 so (oder ähnlich) aus:
- Es gibt viel zu tun auf der Arbeit, weswegen ich versuche möglichst pünktlich und ohne allzu viele Sabberflecken und Kakaoknutschflecke das Haus zu verlassen.
- Die allgemeine Aufregung ist groß: Für den Jüngeren stehen diverse Termine an, der Ältere soll pünktlich im Kindergarten sein, auch wenn er dazu „heute, also nur ausnahmsweise“ so gar keine Lust hat und nebenbei die neue Sportart „Extrem-Trödeln“ erfindet.
- Während ich im Bus neben einer Frau sitze, deren Parfum mich immer wieder an den Rand einer Ohnmacht führt, nimmt ein anderer Wagen meiner Frau die Vorfahrt. Um ein Haar hätte es gekracht, wie man so schön sagt. Der Ältere ist mittlerweile im Kindergarten, den Jüngeren hätte es voll erwischt. Zum Glück brauche ich kein Riechsalz nach der Info. Hab ja einen gefühlten Parfumladen in meiner Nase.
- Der Tag verläuft getrennt, wie neuerdings wieder üblich.
- Abends, mitten im Gewirr der täglichen To-dos rund um Abendessen, Wohnungschaos beseitigen, den Älteren bettfertig machen, den Jüngeren pflegerisch versorgen und und und, schreit die Frau auf einmal auf.
- Da ist doch tatsächlich … also beim Entleeren des Stomabeutels in eine bereitliegende Windel … irgendwie muss der Jüngere an die Windel gekommen sein und … warum haben die Thermostate an Heizungen eigentlich offene Rillen? Wenn sie die nicht hätten, würd da jetzt nicht die ganze Sch… hineinlaufen. Wie kriegt man das jetzt bloß wieder sauber neben schreiendem Kind, fragendem zweiten Kind, was denn los sei, und glucksender Oma am Telefon, die das lustig findet, weil es nicht ihr passiert ist?
- Nachdem die Schlacht so weit geschlagen ist (wir sind uns noch nicht einig, ob die Reinigung ausreichend war, wir es noch mal versuchen, oder einfach das ganze Thermostat entsorgen), kugeln sich die Jungs fröhlich quiekend durchs Bett. Zumindest bis der Jüngere den Schlauch seiner Magensonde so gekonnt am Bettgestell einklemmt, dass er sich unter lautem Gebrüll die ganze Magensonde rausrupft, als er sich weiterdreht.
- Also schreiendes Kind aus dem Bett und irgendwie alles wieder zusammenbasteln. Den Älteren währenddessen mit Biene Maja ruhig stellen („Papa, das macht nichts, wenn ihr euch um meinen Bruder kümmern müsst, ihr könnt da ruhig langsam machen!“).
- Am Ende haben wir alles, mit mittlerweile chirurgischer Präzision und Gelassenheit, wieder in den Ursprungszustand versetzt. Meine Frau sagt immer wieder etwas fassungslos so etwas wie: „Dass so was alles in einen Tag passt. Sag doch mal ehrlich, so was passiert doch eigentlich nicht einfach so, oder??“
- Ich kann darauf grad nicht mehr antworten, weil ich weinen muss. Wir verstehen uns.
Was hilft, wenn das Leben zu viel wird? Eine Räuberleiter
Eine Nacht später sitzen beide Jungs beim Frühstückstisch auf meinem Schoß und kuscheln. Der Ältere schreit nach der Mama: „Du musst auch kommen. Dann ist es am schönsten!“ Und dann kuscheln wir halt alle zusammen und genießen den Moment, der es bis zum Herzen schafft. Ich könnte schon wieder heulen (Irre Sache … ich bin eigentlich so was von gar nicht emotional. Echt jetzt!). Ein neuer Tag beginnt. Ich bin gespannt.
Was bleibt? Auch angesichts von großen und sich seither wiederholenden Lebenslöchern: Allein wärs im Loch nur halb so schön. Allein wärs auch viel schwieriger wieder herauszukommen. Ich weiß: Manche sitzen gerade wirklich allein da drin. Das macht es nicht leichter. Das ist die schwerste Version des Lochs.
Falls du gerade selbst in so einem Loch sitzt: Ich habe keine fünf Schritte für dich. Löcher halten sich nicht an Pläne. Ich kann dir nur erzählen, was uns bis heute trägt: Wir nehmen die Momente ernst, die es bis zum Herzen schaffen, so kurz sie sind. Und wir bleiben nicht allein. Niemand klettert elegant aus so einem Loch. Aber zusammen kommt man raus. Und zusammen muss nicht Familie heißen. Manchmal ist zusammen ein Freund, eine Seelsorgerin, eine Stimme am Telefon.
Mal schauen, wie lange wir brauchen, um den Jungs eine anständige Räuberleiter beizubringen …
Mehr davon im Themen-Hub Erschöpfung & gutes Leben und Familie & Inklusion.
Wenn du gerade selbst in einem Loch sitzt: Ich habe dir dafür etwas gebaut. „Einmal kurz Himmel atmen“ ist ein kostenloser 7-Tage-Audiokurs: jeden Tag drei bis fünf Minuten geführte Stille auf die Ohren, dazu eine winzige Übung, die sofort etwas spürbar macht. Kein Programm. Keine weitere Aufgabe. Eher eine Räuberleiter.
Manchmal ist ein Loch aber zu tief für Blogartikel und Audiokurse. Wenn du da gerade bist: Geh damit bitte zu deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Oder ruf die TelefonSeelsorge an: 0800 111 0 111, kostenlos, rund um die Uhr, anonym. Das ist kein Scheitern. Das ist ein erster Schritt hinaus.
Häufige Fragen
Was ist ein Lebensloch?
Ein Lebensloch ist der Einbruch nach einer langen Belastungszeit: Die Krise ist offiziell vorbei, von außen sieht alles gut aus, und genau jetzt geht nichts mehr. Der Begriff ist kein Fachwort, sondern ein Erfahrungswort. Er beschreibt die Erschöpfung, die erst dann Platz bekommt, wenn der Druck nachlässt.
Warum kommt die Erschöpfung erst, wenn die Krise vorbei ist?
Solange die Krise dauert, hält dich die Anspannung aufrecht: Es muss ja weitergehen. Erst wenn der Druck nachlässt, meldet sich alles, was liegen geblieben ist. Die Müdigkeit, die dünne Haut, die fehlende Spannkraft. Das ist kein Versagen. Das ist die Rechnung für die Monate im Ausnahmezustand.
Ist ein Lebensloch dasselbe wie ein Burn-out?
Nein. Ein Lebensloch ist erst mal eine normale Reaktion auf eine zu lange Belastung, es wird flacher, wenn Erholung wieder Platz bekommt. Beim Burn-out trägt genau diese Erholung irgendwann nicht mehr. Ich habe beides erlebt. Wenn du unsicher bist, wo du stehst, ist das ein Thema für deine Hausärztin oder deinen Hausarzt.
Was hilft, wenn das Leben zu viel wird?
Ehrlich: kein Fünf-Punkte-Plan. Bei uns tragen zwei Dinge. Die kleinen Momente ernst nehmen, die es trotz allem bis ins Herz schaffen. Und nicht allein bleiben. Zusammen muss dabei nicht Familie heißen, auch eine Freundin oder eine Stimme am Telefon zählt. Wenn das Loch nach Wochen noch genauso tief ist, gehört Hilfe dazu: ärztlich oder seelsorglich.
Bilder: Claude Design (Titelbild).