Wie wird eigentlich meine Zukunft aussehen? Wie wirds mir gehen, wenn ich alt bin (also noch älter als jetzt)? Und kann ich das irgendwie beeinflussen? Kann ich heute schon etwas tun, das mir in der Zukunft guttun wird?
„Papa, ich hab dich lieb.“ Ein Satz, der mir unglaublich schwer über die Lippen geht. „Papa, ich hab dich lieb.“ Einer der schönsten Sätze, die ich hören kann.
Mein Papa hat viel gearbeitet, war streng, wollte meine beruflichen Pläne und meinen Glauben nie richtig verstehen. Und hat beides hart kritisiert. Es gab so einiges, was uns eher auf Abstand gehalten hat, als ich Kind, Teen und Jugendlicher war. Ich habe mir auf dem Weg zum Erwachsenwerden jedenfalls geschworen, was ich alles einmal anders machen werde.
Jetzt haben meine Frau und ich selber Kinder und ich reagiere ab und an ähnlich wie mein Vater, arbeite viel … also was tun? Wie kann ich jetzt so handeln, dass meine Jungs auch in 30 Jahren noch gern mit mir am Tisch sitzen?
Eigentlich ist das eine Lebensfrage: Wie handle ich heute so, dass ich meinem zukünftigen Ich etwas Gutes tue?
Warum tue ich nicht, was mir morgen guttut?
Auf den ersten Blick ist die Antwort darauf leicht: gesund leben, wenig Stress, gute Beziehungen, Bildung, sinnvoller Umgang mit Geld …
Aber die Packung Gummibärchen schmeckt heute so gut und das ist mir dann oft wichtiger als die Gesundheit in der Zukunft. Die warme Bettdecke macht es heute so gemütlich, joggen gehen kann ich auch (über-)morgen noch. Das ist mir oft wichtiger als der gute körperliche Zustand irgendwann. Ich weiß es besser. Ich mache es trotzdem. Warum?
Vielleicht ist die Zukunft einfach zu weit weg und nicht bestimmbar. Klar ist Alkohol schädlich, aber vielleicht halte ich es ja auch ganz gut aus. Wer weiß das schon?
Mein zukünftiges Ich ist ein Fremder
Letztlich ist mein zukünftiges Ich für mich ein Fremder. Und was ein Fremder irgendwann erleidet, spüre ich heute nicht. Deswegen esse ich unter der warmen Bettdecke Gummibärchen, den Whisky in Reichweite. Mein jetziges Ich liegt mir einfach näher als mein zukünftiges.
Dazu kommt: Wenn ich ein Ziel festlege, schaue ich dabei vor allem auf die Belohnung, die dieses Ziel verspricht. Wenn ich z. B. mit 80 Jahren einen Brad-Pitt-Body haben kann, motiviert mich diese Belohnung, mir einen Plan zu erstellen, bei dem ich jeden Morgen um 05:00 aufstehen und joggen gehen muss. Wenn es dann aber an die konkrete Umsetzung geht, konzentriert sich plötzlich alles in mir auf die Anstrengung, die das bedeutet: „Was? Um 05:00 Uhr aufstehen? Aber ich bin müde, es ist kalt, es regnet und … ich bleibe einfach liegen und drehe mich nochmal um.“
Die Belohnung winkt zwar noch. Aber zwischen ihr und mir liegen über dreißig Jahre und eine warme Bettdecke.
Wie hole ich meine Zukunft näher heran?
Muss ich das also einfach hinnehmen? Nein. Zwei Übungen helfen mir. Beide machen dasselbe: Sie holen die Zukunft so nah heran, dass sie heute mitentscheiden darf. Und keine Sorge: Das ist kein Programm, das du ab jetzt durchziehen musst. Zwei kleine Handgriffe, mehr nicht.
Der Brief an mein Ich in 30 Jahren
Wenn die Zukunft zu weit weg ist, hole ich sie näher an mich heran. Ich schreibe einen Brief an mein Ich in 30 Jahren und erkläre ihm: Warum entscheide ich gerade so und nicht anders, im Job, in der Familie, bei der Selbstfürsorge? Was hoffe ich damit zu erreichen, heute und für dich?
Beim Schreiben passiert etwas Merkwürdiges: Ich sehe meine heutigen Entscheidungen plötzlich mit den Augen des Zukunft-Heikos. Und manches, was mir eben noch dringend vorkam, wirkt aus dieser Entfernung ziemlich klein.
Mein bester Tag in 30 Jahren
Wenn die Belohnung zu blass ist, male ich sie mir aus. Ich stelle mir meinen besten Tag in 30 Jahren vor: Was arbeite ich? Wer sitzt mit am Tisch? Wie geht es mir, was kann ich noch? Dann frage ich rückwärts: Was habe ich wohl getan, damit dieser Tag Wirklichkeit wurde? Und was davon kann ich heute anpacken?
Das motiviert mich sogar zu den anstrengenden Sachen. Weil mir der Tag vom Zukunft-Heiko ziemlich gut gefällt.
Mehr Mitleid mit meinem Zukunft-Ich, bitte
In einem meiner Briefe an mich in 30 Jahren habe ich mir erklärt, wie viel Zeit ich täglich für meine Jungs reserviert habe. Damit wir zusammen Spannendes erleben und auch in 30 Jahren noch eine richtig gute Beziehung haben können. Wenn heute ein neues Projekt anklopft, lese ich vorher manchmal diesen Brief. Erst kürzlich lag so eine Anfrage da. Spannend, schmeichelhaft, gut fürs Profil. Ich habe den Brief gelesen und abgesagt. Der Abend, und die weiteren, die gefolgt wären, gehörten den Jungs. Nicht jedes Nein kann ich mir leisten. Dieses war richtig. Und ich hoffe, mein Zukunft-Ich sieht das genauso. Ach, eigentlich bin ich sicher.
Mein bester Tag in 30 Jahren beinhaltet übrigens auch, dass wir uns als Familie an richtig gute Erlebnisse mit Opa erinnern. Opa, das ist mein Papa. Der, dem ich mein „Ich hab dich lieb“ so schwer über die Lippen bringe. Auch dafür will ich heute wieder etwas tun.
Und du? Was kannst du heute Gutes für deine Zukunft tun?
Und falls heute schlicht nichts mehr geht: auch okay. Dein zukünftiges Ich führt keine Strichliste. Ein verpasster Tag macht die Zukunft nicht kaputt. Morgen liegt der Brief immer noch da.
Häufige Fragen zu Selbstfürsorge und Zukunft
Was bedeutet Selbstfürsorge für die Zukunft?
Heute so zu entscheiden, dass es meinem zukünftigen Ich guttut: bei Gesundheit, Beziehungen, Arbeit und Geld. Das Problem dabei: Die Zukunft ist weit weg, die Gummibärchen liegen nah. Selbstfürsorge für die Zukunft heißt deshalb vor allem, die Zukunft so konkret zu machen, dass sie bei heutigen Entscheidungen mitreden kann.
Warum fällt es so schwer, heute etwas für später zu tun?
Weil mein zukünftiges Ich für mich ein Fremder ist. Sein mögliches Leid spüre ich heute nicht, die Anstrengung dagegen sofort. Dazu kommt: Die Belohnung liegt Jahrzehnte entfernt, die warme Bettdecke genau hier. Wer das weiß, kann gegensteuern, mit Übungen, die die Zukunft näher heranholen.
Wie schreibe ich einen Brief an mein zukünftiges Ich?
Ich erkläre meinem Ich in 30 Jahren, warum ich gerade so entscheide: im Job, in der Familie, bei der Selbstfürsorge. Und was ich hoffe, damit für uns beide zu erreichen. Den Brief hebe ich auf und lese ihn, bevor ich zu neuen Projekten ja sage. Bei mir verändert das Entscheidungen spürbar.
Was bringt die Übung mit dem besten Tag in 30 Jahren?
Sie macht die Belohnung konkret, für die ich mich heute anstrenge. Ich stelle mir einen richtig guten Tag in 30 Jahren vor und frage dann rückwärts: Was habe ich getan, damit dieser Tag möglich wurde? Was davon kann ich heute anfangen?
Ein erster Schritt, wenn du magst? Dauert fünf Minuten.
Mehr braucht es nicht. Der Rest ist freiwillig.
Wenn du deinem zukünftigen Ich etwas Gutes tun willst, ohne gleich ein Lebenskonzept zu bauen:
Das war spannend? Dann lies mal DAS hier:
-
Kabuki ist ein Arschloch
Kabuki. Ein Wort, das unsere Familie prägt und beeinträchtig. Aber wir leben, lieben und feiern Familie – mit und trotz Kabuki.
-
Was ist der Kabuki Count?
Erfahre mehr über den „Kabuki Count“, eine weltweite Initiative, die darauf abzielt, Menschen mit Kabuki-Syndrom zu erfassen und zu unterstützen. Lies unsere persönliche Geschichte und erfahre, wie du helfen kannst, neue Türen für Betroffene zu öffnen.
-
Was ist das Kabuki Syndrom?
Erfahre, was das Kabuki Syndrom ist, seine Symptome, genetischen Ursachen und wie Betroffene Unterstützung finden.
Bilder: Claude Design (Titelbild).