Ich lasse los: Die geistliche Übung für mehr Ruhe vor dem Schlafengehen

Kategorisiert als Erschöpfung & gutes Leben, Stille & Alltagsmystik
Offene Hand, die loslässt, mit aufsteigenden Lichtpunkten als Symbolbild für die geistliche Übung Ich lasse los - Heiko Metz

Falls du nur zwei Minuten hast, das Wichtigste vorweg:• „Ich lasse los“ ist eine geistliche Übung für den Abend: eine Körperreise durch die Verspannungszentren, verbunden mit einem Gebet, dessen zweiter Teil von Jörg Zink stammt.• Mit jedem Körperteil gibst du eine innere Last ab: den Eigenwillen mit der Stirn, die Angst mit den Schultern, das Zusammenbeißen mit dem Kiefer.• Die Übung zaubert nichts weg. Aber sie erinnert dich jeden Abend daran: Du musst das alles nicht allein tragen.• Du brauchst dafür nur den Boden und etwa fünfzehn Minuten. Den kompletten Text zum Mitbeten und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung findest du weiter unten.

Abends im Bett geht es bei mir oft erst richtig los. Der Kollege von heute Mittag. Die Mail, die ich immer noch nicht geschrieben habe. Die Sorge, die seit Wochen einfach mitläuft. Ich liege da und halte fest, was ich längst nicht mehr halten kann.

Genau für diese Stunde gibt es eine geistliche Übung, die mein fester Tagesabschluss geworden ist: „Ich lasse los.“ Körperteil für Körperteil, Satz für Satz, bis in ein Gebet von Jörg Zink hinein. Die Übung zaubert nichts weg. Aber sie erinnert mich jeden Abend daran: Ich muss das alles nicht allein tragen. Hier zeige ich dir, wie sie geht. Schritt für Schritt, mit dem kompletten Text zum Mitbeten. Und wenn du es eilig hast: Spring direkt zum Abschnitt „Wie geht die Übung?“. Die Geschichte dahinter läuft dir nicht weg.

Festhalten, was geht?

Ich bin schon lange Christ. Ziemlich lange. Und trotzdem habe ich in meiner Burnout-Phase festgestellt, dass mir schon seit einiger Zeit vor allem Gottes Perspektive auf mich, das Leben und die Welt abgeht. Und irgendwie versuche ich, das Leben und alle seine Herausforderungen aus eigener Kraft durchzukämpfen. Mit eigenen Ideen, eigenen Bewertungen, eigenem Dickkopf.

Servicepost:
Nachdem ich das intensiv getan habe, kann ich sagen: Funktioniert nicht so dolle. Also kaum. Eigentlich gar nicht. Burnout lässt grüßen.
Für dich getestet.

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich viele Dinge, Situationen, Gefühle, Herausforderungen, Ängste und noch so einiges mehr mit mir rumschleppe und irgendwie nicht mehr loswerde.

  • Die Angst vor weiteren Hiobsbotschaften rund um Sohn 02,
  • das Ohnmachtsgefühl angesichts seiner Behinderung und ihres Einflusses auf unsere Familie,
  • Stress, Anforderungen, eigene Wünsche u. v. m.,
  • meine Hilflosigkeit, mit all dem gut umzugehen und „es irgendwie schaffen zu können“,

Aber auch abseits meiner persönlichen Burnout-Spirale ging es mir abends oft so, dass mich noch Verschiedenes beschäftigte und mir manchmal den Schlaf raubte.

  • Die Meinungsverschiedenheit mit dem Kollegen heute (und das Gefühl, dass der was gegen mich haben muss),
  • meine Lieblosigkeit der Kassiererin gegenüber, als ich es eilig hatte,
  • die Gedanken, dass ich nicht gut, schnell, kompetent etc. genug bin und alle vermeintlichen Beweise, die ich heute dafür gefunden habe,

Irgendwie gibt es in meinem Leben immer wieder so einiges, was mir eigentlich nicht guttut, aber was ich nicht gut loslassen kann. Mit entsprechenden Folgen.

Die Sehnsucht, loslassen zu können

Wie kann ich diese ganzen Dinge wieder loslassen? Wie kann ich eigene, auf Dauer nicht hilfreiche Glaubenssätze und Antreiber transformieren (lassen) und Gottes entlastende und liebevolle Perspektive auf mich und mein Leben inhalieren?

Gott ist in jedem Atemzug unseres Lebens zu finden. Unser Leben ist Gottes Geschichte mit uns, in der er immer anzutreffen ist!

frei nach Jean-Pierre de Caussade

Wenn Caussade hier recht hat (und davon gehe ich aus), dann brauche ich Zeiten, Übungen, „Räume“ in meinem Alltag, in denen ich Gottes Gegenwart nachspüren kann und von dort aus (weiter)lebe und agiere.

Mein Gefühl ist: Je stressiger, anstrengender und überfordernder die Zeiten, je mehr ich an belastenden Gefühlen, Selbstverurteilungen etc. festhalte, desto schwerer fällt mir das „Ich lasse los.“ Desto mehr brauche ich diese Räume für mich und Gott. Und wenn dir gerade selbst dafür die Kraft fehlt: Eine einzige Zeile im Liegen zählt auch. Die Übung drängelt nicht.

Warum Loslassen für mich vor allem mit Akzeptanz zu tun hat, habe ich hier aufgeschrieben: Loslassen lernen: Warum Akzeptanz der Schlüssel ist.

Warum hilft ein Ritual beim Loslassen?

Ich habe für mich die Kraft geistlicher Übungen entdeckt, die ich regelmäßig und in festem Rhythmus vollziehe. In dieser Regelmäßigkeit findet meine Seele ihr Zuhause. Fester Platz am Abend, ohne langes Überlegen, wie Zähneputzen, nur für innen. Ein gesunder Rhythmus prägt die Seele wie kaum etwas anderes. Und diese Übungen unterbrechen mich: Einmal am Tag anhalten statt weiterrasen. Einmal am Tag abgeben statt festhalten. Tagsüber leisten das bei mir Mikropausen, abends diese Übung.

Loslassen üben

Zu einer konkreten geistlichen Übung zum „Loslassen lernen“ hat mir eine Erinnerung geholfen: Vor Jahren durfte ich einmal an einem Leitungstraining teilnehmen. Und ein Seminarwochenende dieses Trainings drehte sich um „Das geistliche Leben eines Leiters“. Hier haben wir anhand eines Gebets, das mich damals sehr beeindruckt hat, eingeübt zu sagen und zu vollziehen: „Ich lasse los“. Und das hat gut getan.

Genau diesen Text (er besteht aus zwei Teilen und der zweite Teil stammt von Jörg Zink, beim ersten Teil weiß ich leider den Urheber nicht) habe ich wieder hervorgekramt. Er ist seit einiger Zeit mein Tagesabschluss, direkt vor dem Zu-Bett-Gehen.

Dabei frage ich mich: Was möchte ich hinter mir lassen? Dies betrifft all das, was am heutigen Tag einen negativen Schatten auf mich geworfen hat. An welchen Stellen bin ich gescheitert? Welche Verpflichtungen habe ich nicht erfüllt? Und welche Sorgen lasten auf mir?

Loslassen ist keine Entscheidung, die man einmal trifft. Es ist eine Übung, die man jeden Abend wiederholt. Und auch wenn ich nicht behaupten kann, nach dieser Übung wäre alles losgelassen und ich würde federleicht ins Bett schweben: Diese Zeit tut mir sehr gut. Vor allem, weil sie mich daran erinnert: In all meinen Herausforderungen, Sorgen, Nöten und Ängsten bin ich nicht allein. Gott ist da. Und bei ihm bin ich gut aufgehoben. Manche Ängste und Belastungen sind dadurch schon ein wenig handlicher geworden.

An manchen Abenden komme ich nur bis zu den Schultern und bin schon halb im Schlaf. An anderen bleibe ich an einer einzigen Zeile hängen, weil sie genau meinen Tag trifft. Beides ist in Ordnung. Die Übung fragt nicht nach Leistung. Sie fragt nur: Was gibst du heute ab?

Vielleicht ist das auch eine gute Übung für dich? Das kann ich nicht für dich entscheiden. Aber der Fußboden liegt schon mal bereit 😉

So oder so: Hier kommt die Übung. Erst Schritt für Schritt, dann der komplette Text zum Mitbeten. Ich wünsche dir gutes Loslassen.

Wie geht die Übung „Ich lasse los“? Schritt für Schritt

Die Übung „Ich lasse los“ verbindet eine Körperreise mit einem Abendgebet: Du entspannst nacheinander die Verspannungszentren deines Körpers und gibst mit jedem Körperteil eine innere Last ab. Das Ganze dauert etwa fünfzehn Minuten. So gehst du vor:

  1. Zeitpunkt wählen. Direkt vor dem Zubettgehen, als letzter Schritt des Tages.
  2. Hinlegen. Leg dich mit dem Rücken flach auf den Boden. (Das Bett geht zur Not auch. Auf dem Boden bleibst du wacher.)
  3. Fragen stellen. Was möchte ich hinter mir lassen? Was hat heute einen Schatten auf mich geworfen? Wo bin ich gescheitert, was lastet auf mir? Du musst nichts lösen. Nur benennen.
  4. Körperreise. Wandere mit deiner Aufmerksamkeit durch die Verspannungszentren, von der Stirn bis zu den Beinen. Denke bei jeder Station still „Ich lasse los …“ und lass die Stelle bewusst locker. Zu jedem Körperteil gehört eine innere Last, den kompletten Text findest du unten.
  5. Beten. Sprich das Gebet von Jörg Zink: „Meinen Willen lasse ich Dir …“ Zeile für Zeile, in deinem Tempo.
  6. Abschließen. Der letzte Satz trägt dich ins Bett: „Du hast mich in deiner guten Hand. Ich danke Dir.“

Der komplette Text: Körperreise und Gebet zum Loslassen

Ich liege mit dem Rücken flach auf dem Boden und nehme bewusst einige der Hauptverspannungszentren des Körpers wahr, eines nach dem anderen. Dabei lenke ich die gesammelte Aufmerksamkeit jeweils auf einen Körperteil, indem ich dabei still denke und es gleichzeitig vollziehe:

Ich lasse los …

meine Stirn – und meinen Eigenwillen, dass ich mit dem Kopf durch die Wand will,
meine Augen – dass ich meine, alles einsehen zu müssen,
mein Gehirn – dass ich alles verstehen will,
meinen Unterkiefer – alles, was mich die Zähne zusammenbeißen lässt,
meine Zähne – alles, was mich mit den Zähnen knirschen lässt,
meine Zunge – dass ich meine, alles sagen zu müssen,
meinen Hals – meine Halsstarrigkeit,
meine Schultern – alle offene und verdrängte Angst,
meinen rechten Arm – dass ich meine, alles begreifen zu müssen,
meinen linken Arm – dass ich meine, alles in den Griff bekommen zu müssen,
meinen Brustkorb – alles, was mir schwer auf der Brust lastet,
meinen Magen – alles, was mir schwer im Magen liegt,
meinen Bauch, meine Eingeweide, meinen Genitalbereich – alles, was mir die Eingeweide rumdreht,
meinen Hintern – dass ich meine, alles besitzen zu müssen,
mein rechtes Bein – dass ich meine, immer bestehen zu müssen,
mein linkes Bein – dass ich meine, immer standhalten zu müssen.

Ich lasse mich Dir, Herr, und bitte Dich:
Mach ein Ende aller Unrast.

Meinen Willen lasse ich Dir.
Ich glaube nicht mehr, dass ich selbst verantworten kann,
was ich tue und was durch mich geschieht.

Meine Gedanken lasse ich Dir.
Ich glaube nicht mehr, dass ich so klug bin,
mich selbst zu verstehen,
dieses ganze Leben oder die Menschen.
Lehre mich Deine Gedanken denken.

Meine Pläne lasse ich Dir.
Ich glaube nicht mehr, dass mein Leben Sinn findet
in dem, was ich erreiche von meinen Plänen.
Ich vertraue mich deinem Plan an,
denn du kennst mich.

Meine Sorgen um andere Menschen lasse ich Dir.
Ich glaube nicht mehr,
dass ich mit meinen Sorgen irgendetwas bessere.
Das liegt allein bei Dir. Wozu soll ich mich sorgen?

Die Angst vor der Übermacht der anderen lasse ich Dir.
Du warst wehrlos zwischen den Mächtigen.
Die Mächtigen sind untergegangen. Du lebst.

Meine Furcht vor meinem eigenen Versagen lasse ich Dir.
Ich brauche kein erfolgreicher Mensch zu sein,
wenn ich ein gesegneter Mensch sein soll
nach Deinem Willen.

Alle ungelösten Fragen, alle Mühe mit mir selbst,
alle verkrampften Hoffnungen lasse ich Dir.
Ich gebe es auf, gegen verschlossene Türen zu rennen,
und warte auf Dich. Du wirst sie öffnen.

Ich lasse mich Dir, Herr,
Du hast mich in deiner guten Hand.
Ich danke Dir.

Häufige Fragen zur Übung „Ich lasse los“

Was ist „Ich lasse los“ für eine geistliche Übung?
„Ich lasse los“ ist eine geistliche Übung für den Abend, direkt vor dem Schlafengehen. Sie verbindet eine Körperreise durch die Verspannungszentren mit einem Abendgebet, dessen zweiter Teil von Jörg Zink stammt. Mit jedem Körperteil gibst du auch eine innere Last ab: den Eigenwillen mit der Stirn, die Angst mit den Schultern, das Zusammenbeißen mit dem Kiefer.

Wie lange dauert die Übung?
Etwa fünfzehn Minuten, je nach Tempo. Wichtiger als die Länge ist die Regelmäßigkeit: Die Übung wirkt als täglicher Tagesabschluss, nicht als einmalige Aktion.

Muss ich dafür auf dem Boden liegen?
Klassisch liegst du mit dem Rücken flach auf dem Boden. Dort spürst du deinen Körper besser und schläfst nicht sofort ein. Zur Not geht auch das Bett. Entscheidend ist, dass du still wirst und deine Aufmerksamkeit durch den Körper wandern lässt.

Was, wenn das Loslassen nicht klappt?
Dann bist du normal. Loslassen ist ein Prozess, der Übung braucht, ein allabendliches Wiederholen. Es geht nicht darum, dass danach alles weg ist. Es geht darum, dass du deine Lasten benennst und sie Gott hinhältst. Das verändert auf Dauer mehr als jeder Kraftakt.


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Bilder: Claude Design (Titelbild).

2 Kommentare

  1. Lieber Heiko,
    ich finde es sehr bemerkenswert, wie du über deinen Weg aus dem Burnout und auch über deine Glaubenskrise schreibst. Ich würde mir sehr viel mehr Menschen in der Kirche wünschen, die das öffentlich tun und darüber mit anderen „Glaubenskrislern“ ins Gespräch kommen. Zumindest hier bei uns versagt die Kirche in dieser Hinsicht leider komplett, schon bei den Jüngsten. An deiner Loslass-Übung gefällt mir besonders gut die Verbindung zwischen körperlicher Empfindung und möglichem geistigem Äquivalent.

    Sehr herzlich

    Pia

    1. Hey Pia,
      ich danke dir für deinen Kommentar.

      Ich kann ja immer nur für mich sprechen, aber für mich gehören Zweifel und Fragen zu Glauben organisch dazu. Was ich nicht mehr hinterfrage und woran ich keine Zweifel habe, das ist Wissen. Fakten. Etc. Aber genau das ist der Glaube ja eben nicht. Er zeichnet sich durch Unverfügbarkeit, Wandel, Hoffnung, beständiges Beziehungsgeschehen und Liebe aus. Alles Zustände, in denen Zweifel geradezu wohnen. Das macht es doch gerade so spannend, manchmal anstrengend und manchmal überwältigen schön.
      Von daher: Ja, volle Zustimmung. Lasst uns Fragen fragen und über Zweifel sprechen. Lasst uns für andere mitglauben, die gerade nicht können und feiern, wann immer wir Gottes Liebe, seinen Segen und seine Freiheit spüren.

      Da könnte ich jetzt noch laaaaange weiterschreiben. Vielleicht wird das ja irgendwann mal ein Blogartikel 8oder mehrere).
      Falls du mal in der Nähe bist, kann daraus aber auch gern ein Austausch bei einem guten Kaffee werden 😉
      Heiko

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