Burnout als Vater: Der Fels in der Brandung liegt auf dem Sofa

Kategorisiert als Erschöpfung & gutes Leben, Familie & Inklusion
Titelbild „Burnout als Vater" mit Sofa-Motiv in den Markenfarben Waldgrün und Senfgold - Heiko Metz

Falls du nur zwei Minuten hast, das Wichtigste vorweg:• Ich galt jahrelang als „der Fels in der Brandung“ – bis im Sommer 2023 nichts mehr ging. Diagnose Burnout. Der Fels lag monatelang auf dem Sofa.• Der Burnout wuchs genau da, wo mein Anspruch, alles zu schaffen, auf ein Leben als behinderte Familie traf, das sich nicht schaffen ließ.• In einem Fernsehstudio hörte ich die Geschichte eines Mannes, der als Kind den Zusammenbruch seines Vaters erlebt hat – und verstand zum ersten Mal, was mein Ausfall für unseren Älteren bedeutet haben muss.• Vier Lehren, keine davon billig: früher Hilfe holen, mein Wert hängt nicht an meiner Leistung, meine Kinder brauchen keinen perfekten Vater – und Gott macht den Burnout nicht weg, bleibt aber.

Solange ich mich erinnern kann, übernehme ich gerne Verantwortung und habe das deutliche Gefühl: „Du bist stark. Du schaffst das!“ Egal, was dieses „das“ auch sein mag. Und so bin ich tatsächlich viele Jahre gut gefahren, konnte vieles bewegen, Probleme lösen und galt für viele als der Fels in der Brandung.

Bis nichts mehr ging. Irgendwann saß ich deswegen sogar in einem Fernsehstudio und habe all das zum ersten Mal öffentlich sortiert. Aber von vorn.

Wie rutscht man als Vater in den Burnout?

Mit der Geburt unseres zweiten Sohnes, der das Kabuki-Syndrom hat, änderte sich für unsere Familie und unsere Lebensplanung so ziemlich alles. Bei allem Tollen und Schönen, das ein Kind mit in die Familie bringt, und bei allem Wunderbaren, das wir gerade mit und durch unseren Jüngsten erleben durften, sind die Herausforderungen immens hoch. Oft gefühlt unschaffbar.

Mein Anspruch an mich selbst, stark zu sein, „das schon zu schaffen“, ein guter Vater zu sein … und die Überforderungen des Daseins als behinderte Familie, die Unsicherheit, was als Nächstes kommt, die ständigen Sorgen und und und haben nicht wirklich gut zusammengepasst. Um es mal vorsichtig zu sagen.

Was das konkret heißt? Monate auf der Intensivstation. Operationen, Therapien, Ämterpost. Ein Kalender voller Termine, die sich niemand ausgesucht hat. Dazu der Job, der Alltag mit unserem Älteren und das ganz normale Familienleben, das ja auch noch stattfinden will.

Der Burnout kam nicht über Nacht. Er wuchs genau da, wo mein Anspruch, alles zu schaffen, Tag für Tag auf ein Leben traf, das sich nicht schaffen ließ.

Der Zusammenbruch: Wie fühlt sich Burnout als Vater an?

Im Sommer 2023 ging dann nichts mehr. Diagnose: Burnout. Da war von dem Mann, der immer alles regelt, nicht mehr viel übrig.

Der Fels in der Brandung lag auf dem Sofa. Monatelang. Essen, aufstehen, zurück aufs Sofa: Das war meine Tagesleistung. Ich war körperlich anwesend und trotzdem nicht da, für niemanden. Meine Frau hat in dieser Zeit die Familie getragen, zusätzlich zu allem, was ohnehin schon zu viel war.

Das Fiese daran: Ich habe es nicht kommen sehen. Warnsignale gab es genug, über Monate, wahrscheinlich über Jahre. Ich habe sie alle überstimmt. Ich war ja der Starke. Wie so ein Weg in die Erschöpfung Schritt für Schritt aussieht, habe ich später im Artikel über die zwölf Burnout-Phasen aufgeschrieben. Ich stand am Ende bei Phase 12 von 12.

Es folgten Krankschreibung, Reha und ein langer Weg zurück, in sehr kleinen Schritten: Aufstehen. Essen. Ein paar Schritte vor die Haustür. Wieder hinlegen. Das war der Weg. Wochenlang.

Und, so seltsam das klingt: Genau in diesem Zerbruch fing etwas Neues an. Ein Neustart auf ganz verschiedenen Ebenen.

Was macht der Burnout eines Vaters mit der Familie?

Dass ein Burnout an der Familie nicht spurlos vorbeigeht, war mir klar. Kognitiv. Wie wenig ich das aber wirklich begriffen hatte, habe ich erst später verstanden. Ausgerechnet in einem Fernsehstudio.

Im Talkwerk auf ERF Jess (das ganze Gespräch findest du weiter unten) saßen neben mir zwei weitere Gäste. Josua erzählte eine Geschichte, die auf den ersten Blick nichts mit meiner zu tun hatte und mir trotzdem sehr nah gegangen ist: Er hat als Kind den Zusammenbruch seines Vaters erlebt. Meine Geschichte, nur mit umgekehrter Perspektive. Bei mir ging es um den Vater, der ausfällt. Bei ihm um das Kind, das zusieht. Für das sich der Familienalltag verändert. Und für das der Satz „Papa schafft das schon“ auf einmal nicht mehr stimmt.

Wie es bei Josua weiterging, erzählt er in der Sendung selbst. Seine Geschichte verläuft ganz anders als unsere, und dafür bin ich ehrlich dankbar.

Beim Zuhören musste ich an unseren Älteren denken. Sein mögliches Erleben so gespiegelt zu bekommen, aus der Kinderperspektive, hat mir deutlicher gemacht als jedes Fachbuch, wie heftig das für ihn gewesen sein muss, als der Burnout mich aufs Sofa gezwungen hat. Papa, der immer alles geregelt hat, regelt plötzlich gar nichts mehr. Der ist gar nicht mehr der Papa, den er kennt.

Heute versuche ich, mit ihm im Gespräch darüber zu bleiben. Keine großen Familienkonferenzen. Eher kleine, ehrliche Sätze zwischendurch: dass ich krank war, dass niemand schuld daran ist, schon gar nicht er, und dass es besser wird. Und wir reden darüber, woran man merkt, dass Dinge zu viel sind. Wie man Pausen macht – und anderen Pausen gewährt …

Was habe ich aus dem Burnout als Vater gelernt?

Vier Dinge. Keins davon war billig.

1. Hilfe holen, viel früher. Ich habe Hilfe erst angenommen, als gar nichts mehr ging. Rückblickend hätte sich jeder frühere Zeitpunkt gelohnt: das Gespräch beim Hausarzt, die Therapie, das ehrliche „Ich kann nicht mehr“ gegenüber meiner Frau. Aber das sehe ich erst von hier aus. Mittendrin habe ich diesen Zeitpunkt nicht gesehen, und das war kein Versagen. Stark ist nicht, wer alles allein trägt. Vielleicht ist „stark“ überhaupt die falsche Kategorie. Hilfe holen ist kein neuer Maßstab, den du auch noch erfüllen musst. Es ist die Erlaubnis, keinen mehr erfüllen zu müssen.

2. Wer bin ich, wenn ich nicht leiste? Diese Frage stand über unserer Talkwerk-Folge. Meine Antwort war jahrzehntelang: der Starke, der Macher, der Fels. Der Burnout hat diese Antwort zerlegt. Was blieb, war unbequem und befreiend zugleich: Ich bin auch dann noch ich, wenn ich nichts schaffe. Geliebt, bevor ich irgendetwas leiste. Kognitiv wusste ich das als Theologe natürlich längst. Glauben lerne ich es seit dem Zusammenbruch.

3. Meine Kinder brauchen keinen perfekten Vater. Sie brauchen einen, der da ist. Und in den Monaten, in denen ich nicht mal das konnte, haben sie es überstanden, weil andere da waren. Auch das gehört zur Wahrheit. Seit dem Burnout ziehe ich Grenzen früher, mache Pausen, bevor der Körper sie erzwingt, und gebe auch vor den Kindern zu, wenn ich erschöpft bin. Das fühlt sich manchmal nach Schwäche an. Es ist das Gegenteil. Wie solche kleinen Pausen in einem vollen Familienalltag aussehen können, habe ich hier aufgeschrieben: Mikropausen im Alltag.

4. Gott macht den Burnout nicht weg. Kein Wunder, keine Abkürzung, kein frommer Trick. Aber mitten im Zerbruch war da einer, der geblieben ist. Kein starker Gott für starke Männer. Eher einer, der sich mit auf den Boden setzt. Das hat meinen Glauben mehr verändert als zwanzig Jahre Funktionieren. Wie dieser Glaube im Burnout ins Wanken geriet und sich neu gesetzt hat, erzähle ich hier: Ich konnte nicht mehr glauben.

Pausen machen, bevor der Körper sie erzwingt. Das klingt einfach und ist es nicht, solange man die Signale nicht lesen kann. Falls du gerade merkst, dass deiner auch schon eine Weile redet: Genau dafür habe ich einen Audiokurs gemacht.

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Das ganze Gespräch: Mein Burnout-Interview im Talkwerk (ERF Jess)

Über diese ganze Reise, von der völligen Erschöpfung bis zur langsamen Wiedereingliederung, habe ich mit Moderator Ingo Marx im Talkwerk auf ERF Jess gesprochen. Mein erstes Mal im Fernsehen. Es ging genau um die Fragen, die diesen Artikel durchziehen: Warum lohnt es sich, Hilfe anzunehmen, und warum viel früher, als man denkt? Und welche Rolle spielen Gott und Glaube in all dem Zerbruch?

Im Talkwerk-Studio bei ERF Jess beim Burnout-Interview - Heiko Metz
Heiko am Tisch im Studio von „Talkwerk“ auf ERF Jess. (Bild: ERF Medien e.V.)

Hier kannst du dir das Talkwerk-Interview mit mir anschauen. Die ganze Sendung findest du hier:

Talkwerk-Interview mit Heiko Metz auf ERF Jess ansehen - Heiko Metz
Talkwerk auf ERF Jess vom 26. Oktober 2024 – zum Ansehen aufs Bild klicken.

Nach der Aufzeichnung war ich ziemlich platt. Meine Energie und Konzentration waren damals burnouttechnisch noch deutlich eingeschränkt, und das erste Mal im Fernsehen … wenn das nicht herausfordernd ist ;-). Gleichzeitig habe ich mich total gut aufgehoben gefühlt, bis hinein in „die Maske“. Ich bin tatsächlich noch nie vorher geschminkt worden, wenn man vom Kinderschminken mal absieht. In der Folge erzählen außerdem Josua und Verena ihre Geschichten. Krass, beide. Und absolut hörenswert.

Im Talkwerk-Studio bei ERF Jess beim Burnout-Interview - Heiko Metz
Heiko im Fernsehstudio. Posieren mit Kamera. Beeindruckend das alles! 😉
Im Talkwerk-Studio bei ERF Jess beim Burnout-Interview - Heiko Metz
Vielen Dank lieber ERF. War sehr schön bei euch!

Du willst tiefer einsteigen und hören, wie unser Leben als behinderte Familie aussieht, was das mit meinem Burnout zu tun hat und wie wir in dem ganzen Schlamassel wieder Hoffnung gefunden haben? Dann lade ich dich herzlich ein, mein Gespräch mit Ingrid Heinzelmaier auf ERF Plus anzuhören. Da hatten wir über eine halbe Stunde Zeit und konnten entsprechend tiefer gehen.

Häufige Fragen zum Burnout als Vater

Woran merke ich als Vater, dass ich auf einen Burnout zusteuere?
Dauererschöpfung, egal wie viel du schläfst. Wachsende Reizbarkeit, gerade gegenüber den Kindern. Innerer Rückzug. Das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Bei mir kam dazu, dass ich Pausen als Schwäche abgetan habe. Wenn du dich in mehreren Punkten wiedererkennst: Du musst damit nicht warten, bis gar nichts mehr geht. Ein Gespräch beim Hausarzt oder mit einem vertrauten Menschen darf viel früher kommen, als ich damals dachte. Eine ausführliche Landkarte geben die zwölf Burnout-Phasen.

Was hilft, wenn die Verantwortung als Vater zu groß wird?
Ehrlich Bilanz ziehen: Was davon muss wirklich ich tragen, was können andere übernehmen? Dann konkret entlasten: Aufgaben abgeben, Hilfen beantragen, feste Pausen einbauen, bevor der Körper sie erzwingt. Auch wenn er bei dir schon lauter geworden ist: Keine Hilfe kommt zu spät. Und mit jemandem reden, der nicht Teil des Systems ist. Aus eigener Erfahrung: Jeder dieser Schritte fühlt sich erst wie Versagen an und ist genau das Gegenteil.

Wie erklären Eltern ihren Kindern einen Burnout?
Altersgerecht, ehrlich und in kleinen Dosen: Papa ist krank, er wird wieder gesund, und niemand ist schuld daran. Kinder spüren die Veränderung ohnehin; ohne Erklärung füllen sie die Lücke mit eigenen, oft schlimmeren Deutungen. Der Satz „Du bist nicht schuld“ kann dabei gar nicht oft genug fallen.

Sind Eltern von Kindern mit Behinderung besonders burnoutgefährdet?
Ja, das Risiko ist erhöht. Care-Arbeit rund um die Uhr, Ämterpost, Therapien, die ständige Sorge: Das macht keinen Feierabend und kennt kein Wochenende. Ein Burnout ist trotzdem kein Automatismus. Entlastungsangebote, ein tragfähiges Netz und früh angenommene Hilfe machen einen echten Unterschied.

Und das Wichtigste zuerst: Wenn du merkst, dass du allein nicht mehr weiterkommst, geh damit bitte nicht allein weiter. Deine Hausärztin oder dein Hausarzt ist eine gute erste Adresse. Und die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr für dich da, kostenlos und anonym: 0800 111 0 111.


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Bilder: ERF Medien e.V., privat, Claude Design (Titelbild).

Von Heiko Metz

Heiko Metz ist evangelischer Theologe, Autor und geistlicher Begleiter. Er schreibt über Alltagsmystik: eine Spiritualität, die in den ganz normalen Tag passt, statt ihn noch voller zu machen. Das Funktionieren bis zum Anschlag kennt er von innen: aus einem eigenen Burnout und aus dem Familienleben mit einem Sohn mit dem seltenen Kabuki-Syndrom. Was ihn trägt, ist ein Gott, der einlädt statt anzutreiben. Von ihm erschienen sind „Warten. Staunen. Bleiben." (2025) und „Einfach mal durchatmen" (2026); sonntags schreibt er den Newsletter „Stille Post", einmal im Monat spricht er im Podcast „Pausentaste" eine geführte Stille.

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