Falls du nur zwei Minuten hast, das Wichtigste vorweg:
• Körpersignale wie Müdigkeit oder Verspannung sind keine Störung, sondern die ehrlichste Rückmeldung, die du hast.
• Wir überhören sie meist aus drei Gründen: weil wir es so gelernt haben, weil das Signal schleichend kommt und weil Zuhören Konsequenzen hätte.
• Drei Fragen reichen zum Einstieg: Was meldet sich gerade? Seit wann kenne ich das schon? Was würde ich einer Freundin raten?
• Halten die Signale an, gehört die nächste Antwort ins Sprechzimmer, nicht ins Durchhalten.
Stell dir vor, im Auto geht die Motorkontrollleuchte an. Orange, penetrant, mitten auf dem Armaturenbrett. Seit Kurzem blinkt sie sogar. Was tust du?
Vermutlich nicht das, was viele von uns mit dem eigenen Körper machen: ein Stück Klebeband drüber, Radio lauter, weiterfahren. Klingt absurd. Beim Auto würde das niemand ernsthaft tun … zu teuer, zu riskant, zu gefährlich.
Beim eigenen Körper machen wir das oft jahrelang. Nicht, weil wir dumm wären … dazu gleich mehr.
Auf jeden Fall sind wir nicht verlegen um Ausreden. Die Kopfschmerzen? Das Wetter. Der flache Atem? Die Jahreszeit. Die Reizbarkeit? Die anderen. Ich kenne dieses Spiel gut, ich habe es lange gespielt und war richtig gut darin. Bis mein Körper aufgehört hat zu leuchten und stattdessen liegengeblieben ist. Kurzes Motorstottern … dann nix mehr. Mitten auf der Strecke. Die Werkstatt hieß dann Krankschreibung, und sie hat viel länger gedauert als jede Inspektion. Sehr viel länger.
Seitdem weiß ich: Der Körper redet die ganze Zeit. Die Frage ist nur, wann wir zuhören … solange er flüstert oder erst, wenn er schreit.
Warum überhören wir Körpersignale bei Erschöpfung?
Aus drei Gründen, und keiner davon ist Dummheit.
Erstens: Wir haben es so gelernt. Reiß dich zusammen. Stell dich nicht so an. Erst die Arbeit. Die meisten von uns haben früh beigebracht bekommen, Körpersignale zu übergehen … und nennen das heute Disziplin.
Zweitens: Das Signal kommt schleichend. Eine Motorleuchte springt von aus auf an. Warntonorange inbegriffen. Erschöpfung kennt diesen klaren Moment nicht. Sie franst dich aus, Woche für Woche ein bisschen mehr, und jeder einzelne Tag fühlt sich fast normal an. Nur der Vergleich zu vor zwei Jahren würde erschrecken. Aber wer vergleicht schon? Gar keine Zeit dafür.
Drittens, und das ist der heimliche Hauptgrund: Wir ahnen, dass Zuhören Konsequenzen hätte. Wer merkt, wie müde er wirklich ist, müsste etwas ändern. Und dafür fehlt … die Kraft. Also lieber nicht so genau hinspüren. Es ist eine stille Übereinkunft mit sich selbst, und sie funktioniert erstaunlich lange. Bis sie es nicht mehr tut.
Was will der Körper eigentlich sagen?
Hier hilft ein Gedankendreh, der bei mir vieles verändert hat: Der Körper ist nicht der Gegner, der dich beim ach so erfolgreichen Leben und den so unfassbar wichtigen Aufgaben in deinem Leben stört. Er ist der Ehrlichste im ganzen Haus.
Er merkt vor deinem Kopf, wenn die Rechnung nicht mehr aufgeht. Der Kopf hat nämlich Interessen: Er will, dass alles weiterläuft, dass niemand enttäuscht wird, dass du durchhältst. Also erklärt er weg, beschwichtigt, vertröstet auf nächste Woche. Der Körper kann das nicht. Er registriert nüchtern: zu viele Wochen ohne echte Pause, zu viel Anspannung ohne Ausgleich, zu viel Alarm ohne Entwarnung. Und er meldet es. Erst leise. Dann deutlicher.
In der Bibel steht ein Satz, den ich in diesem Zusammenhang neu lieben gelernt habe. Im Psalm 139 staunt ein Mensch über sich selbst: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.“ Wunderbar gemacht … das schließt die Müdigkeit ein. Ein Körper, der bei Dauerüberlastung Signale sendet, ist kein Konstruktionsfehler. Er tut genau das, wofür er so wunderbar gemacht ist: Er schützt dich, notfalls vor dir selbst. In meinem Fall hat er genau das getan. Und ich habe lange gebraucht, um ihm dafür dankbar sein zu können …
Den eigenen Körper ernst zu nehmen ist weder Wellness-Sentimentalität noch Achtsamkeits-Getue. Es ist eine kleine Form von Ehrfurcht vor dem, der dich gemacht hat. Und ein Stück Selbstachtung.
Wenn du spürst, dass du selbst gerade dringend anfangen solltest hinzuhören, aber nicht weißt, wo: Ich hab dir dafür eine kleine Tür gebaut.
Wie fange ich an hinzuhören? Drei Fragen für den Anfang
Du brauchst dafür kein Programm und keine App. Drei Fragen reichen für den Anfang … sie dauern zusammen keine Minute.
1. Was meldet sich gerade? Einmal am Tag kurz durch den Körper gehen: Kiefer, Schultern, Bauch, Atem. Nicht bewerten, nicht wegmachen. Nur zur Kenntnis nehmen, wie ein freundlicher Pförtner, der notiert, wer da ist.
2. Seit wann kenne ich das schon? Das ist die unbequeme Frage. Ein verspannter Nacken nach einem harten Tag ist normal. Ein verspannter Nacken seit dem Frühjahr ist ein Warnsignal.
3. Was würde ich einer Freundin raten, die mir das erzählt? Wir haben für andere fast immer mehr Weisheit übrig als für uns selbst. Nutz das aus. Sag dir selbst, was du ihr sagen würdest … und dann behandle dich entsprechend.
Und wenn die ehrlichen Antworten dich erschrecken: Du musst daraus kein Projekt machen. Handeln darf klein sein … klein genug für einen schlechten Tag. Wichtig: Bei anhaltender Erschöpfung, verschwundener Freude oder dem Dauergefühl „ich kann nicht mehr“ gehört die wichtigste Antwort in ein Sprechzimmer: Hausärztin oder Hausarzt, ein ehrlicher Satz reicht. Das ist kein Versagen. Das ist die Motorleuchte ernst genommen.
Dein Körper flüstert lange,
bevor er schreit.
Und es ist nie zu spät,
mit dem Zuhören anzufangen.
Und falls dich das Thema gerade mehr als einen Artikel lang beschäftigt: Ich habe einen ganzen Audiokurs daraus gemacht … zum Hinhören gebaut, nicht zum Abarbeiten.
Häufige Fragen
Nein. Müdigkeit ist ein normales Tagessignal und verschwindet durch Schlaf und Pause. Erschöpfung bleibt, auch nach dem Wochenende, auch nach dem Urlaub. Wenn Erholung nicht mehr erholt, ist das ein Warnsignal.
Typisch sind: Schlaf, der nicht mehr erfrischt, anhaltende Verspannungen, flacher Atem, häufige Infekte, Gereiztheit bei Kleinigkeiten und das Nachlassen von Freude an Dingen, die früher gutgetan haben. Entscheidend ist weniger das einzelne Signal als das Muster über Wochen.
Wenn mehrere Signale seit Wochen anhalten, die Freude verschwunden bleibt oder der Gedanke „ich kann nicht mehr“ zum Dauerzustand wird. Der erste Weg ist die Hausarztpraxis; in akuten Krisen hilft die TelefonSeelsorge (0800 111 0 111, rund um die Uhr).
Bild: Claude.
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