Falls du nur zwei Minuten hast, das Wichtigste vorweg:• Besondere Momente kündigen sich nicht an. Manchmal sind sie nur sechs Wörter lang.• Sie passieren nicht, wenn das Leben aufgeräumt ist, sondern mitten im Marathon aus Alltag und Sorge.• Ich bemerke sie meist erst im Nachhinein, beim Zurückschauen — nicht während sie passieren.• Der Trick ist keine neue Disziplin, sondern eine Blickrichtung: eine Frage vorm Einschlafen reicht.
Abends im Bett sagt der Jüngere: „Ich will morgen wieder zur Schule.“ Sechs Wörter. Ein Jahr vorher hätte ich für diesen Satz viel gegeben. Da standen wir vor seinem ersten Schuljahr und hatten vor allem Fragen. Wird das klappen auf der Förderschule, mit all seinem Pflegebedarf, mit seiner Art, mit seiner Welt, die so oft in kein Raster passt? Kommt der Schulbus morgens wirklich? Und bringt er ihn auch wieder heim? Merkt jemand, wenn er Hilfe braucht? Wenn er traurig ist? Wenn er sich verloren fühlt?
Und dann, nach ein paar Wochen: Erleichterung. Menschen an dieser Schule, die liebevoll mit ihm umgehen. Ein Kind, das morgens gern losfährt und nachmittags mit leuchtenden Augen aus dem Bus steigt … manchmal auch gehoben wird, weil man auf dem Rückweg eingeschlafen ist. Und abends eben dieser Satz.
Von solchen Augenblicken will ich erzählen: von besonderen Momenten im Alltag, die niemand plant und die trotzdem mehr tragen als mancher große Plan.
Es gibt Zeugnisse, Förderpläne, Elterngespräche. Und es gibt diesen einen Satz vorm Einschlafen. Der Satz weiß mehr.
Besondere Momente kündigen sich nicht an.
Und manchmal sind sie nur sechs Worte lang.
Woran erkennst du besondere Momente im Alltag?
Ein paar Wochen später sprachen wir darüber, dass er bald Zweitklässler ist. Dass neue Kinder in die erste Klasse kommen. Seine Stirn legte sich in Falten. „Wo kommen die her?“
„Aus dem Kindergarten.“
„Achso … so wie ich?“
Kurzes Schweigen. Dann ein Lächeln, das mich bis heute nicht loslässt: „Dann freuen die sich bestimmt schon auf meine Familie. Da ist es toll.“ Er sagt Familie. Er meint seine Schule.
Ich könnte jetzt lange über Ankommen schreiben, über Inklusion, über gelingende Übergänge. Muss ich nicht, oder?!
Genau daran erkenne ich solche Momente: Sie sind unscheinbar. Sie passieren zwischen Zahnbürste und Lichtausschalten, an der Bustür, am Küchentisch. Kein Engelchor, kein Spotlight. Nur dieses eine: Etwas in dir wird für einen Augenblick still, und du weißt, das hier ist mehr, als es aussieht. Das ist jetzt besonders.
Ich nenne sie heilige Momente, nicht weil sie fromm daherkommen, sondern weil mitten im Gewöhnlichen etwas durchscheint, das größer ist als die Situation. Und oft auch größer als ich. Gott kommt offenbar lieber durch den Türspalt als durchs Hauptportal.
Ich würde gern behaupten, dass ich solche Momente zuverlässig mitkriege. Die Wahrheit: An den meisten Abenden mache ich einfach das Licht aus und denke schon an morgen, an Termine, an Anträge. Wie viele Sätze ich überhört habe, will ich lieber nicht wissen.
Aber wenn ich so einen Moment erhasche, dann will ich ihn genießen und auskosten … hab ich mir ganz fest vorgenommen.
Sechs Wörter zum Übergang
Im selben Monat, in dem der Jüngere sein erstes Schuljahr beendete, ging für den Älteren die Grundschulzeit zu Ende. Vier Jahre. Bei der Einschulung hatte ihn die riesige Schultüte fast noch überragt. Meine Frau hatte ihm damals ein Shirt genäht, passend zur ersten Klasse. „Erstklassig“ war daran so ziemlich alles.
Dazwischen: vier Jahre Wachsen, äußerlich sowieso, vor allem aber innerlich. Und eine Klassenlehrerin, der wir bis heute dankbar sind, weil sie ihm genau den Raum gegeben hat, den er brauchte.
Jetzt wird er Fünftklässler. Vor ihm liegt lauter Neues: andere Schule, neue Fächer, viele Kinder, iPad statt Heft, Bus statt Schulweg zu Fuß. Wieder ist er der Kleine unter den Großen.
Und wir Eltern? Wir haben in diesen vier Jahren als Familie jongliert. Manchmal mit drei Bällen, manchmal mit zehn. Am Ende stand kein Feuerwerk. Nur sechs Wörter, die ich mir damals notiert habe: „Gut gemacht, Sohn. Gut gemacht, wir.“
Wieder sechs Wörter. Aber mehr Segen passt da kaum rein.
Gibt es besondere Momente auch im Abschied?
Derselbe Monat hatte noch einen dritten Abschied für mich. Einen, den ich mir nicht ausgesucht habe: Ich habe einen Lebenstraum begraben.
Seit dem Studium wollte ich als Dozent für Praktische Theologie arbeiten. Nicht nebenher. So richtig. Fünfzehn Jahre lang durfte ich eine Teilzeitversion dieses Traums leben: Lehraufträge, Seminare, Praktika und Abschlussarbeiten begleiten. Ich habe das geliebt.
Dann kam der Burnout. Pause. Stille.
Nach der Reha habe ich den vorsichtigen Wiedereinstieg versucht, mit wenigen Stunden. Und musste feststellen: Es geht nicht mehr. Nicht so. Mein Körper und mein Kopf liefern Energie nicht mehr auf Knopfdruck. Manche Tage gehen gut. Andere sind zäh. Und morgens weiß ich oft nicht, welcher Tag es wird. Ein Lehrauftrag aber braucht Verlässlichkeit. Präsenz. Mehr, als ich gerade geben kann. Also: Schluss. Vorerst?
Das tat weh. Richtig weh. Und mitten in diesem Schmerz tauchte er auf, so ein Moment. Kein Trostpflaster, eher eine leise Verschiebung in der Perspektive: Ich habe diesen Traum ja nicht verpasst. Ich habe ihn gelebt. Fünfzehn Jahre lang. Und das ist ein ziemlich großes Geschenk.
Kurz danach öffnete sich eine Tür zu einem Projekt, in dem ich schreiben darf, nachdenken, Inhalte gestalten. Es ersetzt nicht alles. Aber vieles. Und passt ziemlich viel besser zu meiner jetzigen Energiesituation.
Auch ein Abschied kann ein heiliger Moment sein:
wenn mitten im Schmerz unerwartet die Dankbarkeit auftaucht.
Warum übersehen wir diese Momente so oft?
Weil der Alltag laut ist. Unser inklusives Familienleben fühlt sich oft an wie ein Marathon ohne Training: Therapien, Anträge, schlaflose Nächte. Fürsorge, die keinen Feierabend kennt. Kraftreserven, die öfter leer sind als voll, inklusive Reservekanister. Und über allem eine Liebe, die trotzdem alles trägt. Irgendwie.
In so einem Leben sitzt niemand mit Notizbuch am Fenster und wartet auf heilige Momente. Aber genau das ist die Pointe: Diese Momente warten nicht, bis das Leben aufgeräumt ist. Sie passieren mitten im Marathon. An der Supermarktkasse. Abends im Bett. Sogar mitten in einem begrabenen Traum. Du musst dein Leben nicht erst in Ordnung bringen, damit der Himmel kurz aufgeht.
Besondere Momente warten nicht auf ein aufgeräumtes Leben.
Sie passieren mitten im Marathon. Einfach jetzt.
Wie fängst du an, sie zu bemerken?
Mein ehrlichster Tipp ist unspektakulär: Schau zurück. Die meisten dieser Momente bemerke ich nämlich nicht, während sie passieren. Sondern hinterher. Beim Zurückschauen fangen sie an zu leuchten.
Dafür brauchst es nicht viel. Eine Frage vorm Einschlafen reicht für den Anfang: Welcher Satz von heute soll bleiben? Welche Situation, welches Gefühl … Wer mag, schreibt einmal im Monat zusätzlich ein paar Zeilen auf: Was hat mich getragen? Worüber habe ich gestaunt? Was möchte ich mitnehmen in die nächsten Monate?
Und wenn du die Abend-Frage an drei von sieben Abenden vergisst: willkommen im Club. Es geht nicht um eine neue Disziplin, an der du scheitern kannst. Es geht um eine Blickrichtung.
Vielleicht liegt in deinem Tag heute auch so ein Satz. Sechs Wörter, mehr braucht es nicht. Ich wünsche dir, dass du ihn hörst und du ihn feiern kannst.
Zum Weiterüben: Wenn du das Bemerken trainieren willst, habe ich etwas für dich: meinen kostenlosen 7-Tage-Audiokurs „Einmal kurz Himmel atmen“. Sieben Tage lang jeden Tag ein paar Minuten auf die Ohren, mitten in deinem echten Alltag. Ein täglicher Türspalt, mehr nicht. Hier kannst du dich anmelden.
Mehr aus diesem Themenfeld findest du unter Stille & Alltagsmystik — und falls du neu hier bist: Fang hier an.
Häufige Fragen zu besonderen Momenten im Alltag
Unscheinbare Augenblicke, in denen mehr aufscheint als die Situation selbst: ein Satz vorm Einschlafen, ein Lächeln an der Bustür, eine unerwartete Dankbarkeit mitten im Abschied. Sie lassen sich nicht planen und nicht erzwingen, nur bemerken. In der christlichen Tradition gibt es dafür ein Wort: Alltagsmystik. Gott zeigt sich im Gewöhnlichen.
Mit Rückschau statt Anstrengung. Eine Abendfrage genügt für den Anfang: Welcher Satz von heute soll bleiben? Wer mag, hält einmal im Monat kurz schriftlich Rückblick. Beim Zurückschauen werden Momente sichtbar, die im Trubel untergegangen sind. Kleine eingebaute Pausen am Tag, wie Mikropausen, helfen zusätzlich, überhaupt wieder etwas zu bemerken.
Weder noch als Eintrittskarte. Staunen kann jeder Mensch. Ich selbst deute diese Momente als Christ: als Stellen, an denen Gott durch den Alltag scheint. Achtsamkeit hilft beim Bemerken. Der Glaube gibt dem Bemerkten eine Adresse.
Bilder: Claude Design.
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