Vorweihnachtsstress: Warum Weihnachten nicht fertig werden muss

Kategorisiert als Erschöpfung & gutes Leben, Stille & Alltagsmystik
Adventskranz mit einer brennenden Kerze, dahinter ein Fenster mit Stern und Schwibbogen, Bild zum Vorweihnachtsstress - Heiko Metz

Falls du nur zwei Minuten hast, das Wichtigste vorweg:• Vorweihnachtsstress ist im Dezember eingebaut. Du bist damit in guter Gesellschaft.• Im Buch Jesaja steht ein Satz, der Wartenden neue Kraft von Gott zusagt (Jesaja 40,31).• Drei kleine Schritte können helfen: ein paar Minuten vor der Kerze, eine Sache im Voraus streichen, die kleine Vorfreude.• Du darfst dir einen davon aussuchen.

Der Dezember hat ein Betriebsgeheimnis. Er ist der einzige Monat, für den wir zwei Terminkalender führen, den normalen und einen heimlichen zweiten. Auf dem steht: Geschenke für elfundsiebzig Menschen, drei Feiern, ein Schulauftritt, Plätzchen (mindestens vier Sorten, die Kinder bestehen darauf!), Karten schreiben, Baum organisieren, und bitte nebenbei besinnlich sein. Ach, den normalen Terminkalender natürlich nicht vergessen!

Vorweihnachtsstress ist da einfach voreingebaut. Kann gar nicht anders funktionieren … Wir haben aus einer der stillsten Zeiten des Jahres irgendwie die vollste und stressigste gemacht … und aus dem adventlichen Warten einen Termin unter vielen.

Ich hab solche Adventszeiten selbst hinter mir. Am ersten Advent hab ich mir jedes Jahr vorgenommen, dass es diesmal ruhiger wird, mit Kerze, echter Besinnlichkeit und allem Drum und Dran. Drei Wochen später saß ich am 23. Dezember um halb elf abends vor dem Rest der Geschenkeliste. Die Kerze hatte zwar ab und an gebrannt. Hingesehen hatte aber keiner, zumindest nicht so richtig.

Erst auf einem langen Umweg, über meinen Burnout, hab ich verstanden, was der Advent eigentlich anbietet. Mit Zählen und Abhaken bis zum 24. hat das ziemlich wenig zu tun. Auch nicht mit Geschenkebergen und Besinnlichkeits-Appellen.

Warum stresst uns der Advent so?

Da kommt einiges zusammen.

  • Alles auf einmal. Das ganze Jahresend-Geschäft, beruflich wie privat, drängt sich in vier Wochen.
  • Der Anspruch. Es soll fertig werden, und schön soll es auch sein. Weihnachten ist emotional aufgeladen wie kein zweites Fest, und viele fühlen sich für das Gelingen persönlich verantwortlich.
  • Das fehlende Gegengewicht. In der alten Kirche war der Advent eine stille Zeit, teils mit Fasten, ähnlich wie die Wochen vor Ostern, und in manchen Traditionen ist er das bis heute. Bei den meisten von uns ist davon wenig übrig geblieben, und der Termindruck hat keinen Gegenspieler mehr. Aber die Sehnsucht nach genau dieser Stille und einem echten vorfreudigen Warten auf Weihnachten ist uns geblieben. Nur halt maximal unerfüllt.

Am 24. kommt man dann an wie nach einem Halbmarathon, außer Atem und mit schweren Beinen, und bräuchte jetzt erst mal Urlaub. Und nicht Weihnachten.

Und das ist unfassbar schade!

Was „Warten“ in der Bibel heißen kann

Warten über viele Tage klingt in unserer hochgetakteten Gesellschaft nach Passivität, nach verlorener Zeit … wahrscheinlich haben wir es deshalb so gründlich abgeschafft, auch und gerade im Advent. Im Buch des Propheten Jesaja steht ein Satz dazu, der für mich zu den schönsten in der Bibel gehört. (Ein Prophet ist jemand, der weitergibt, was er von Gott gehört hat.) Der Satz ist an Menschen gerichtet, die im Exil müde geworden sind, auf die Rückkehr in das eigene Land zu hoffen:

„Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“ (Jesaja 40,31, Einheitsübersetzung)

Im hebräischen Original des Textes steht dort ein Wort, das beides heißt, hoffen und warten. Die Kraft kommt in diesem Satz von Gott, die Wartenden empfangen sie. Warten heißt hier, sich in die Richtung offen zu halten, aus der sie kommt, die Kraft. Bei dem Flügel-Bild denke ich an einen Adler, der über einem Hang kreist. Er lässt sich vom Aufwind tragen und muss dafür kaum mit den Flügeln schlagen. So ähnlich stelle ich mir Warten vor. Du lässt dich tragen, von Gott, und musst nicht alles selbst stemmen.

Advent heißt wörtlich Ankunft, gemeint ist damit Jesus, der auf dich zukommt. Herbeischaffen musst du ihn nicht. Kannst du ihn auch gar nicht. Ob er kommt, entscheidet er schön selbst. Und das Beste ist: Er hat sich schon lange entschieden. Jesus ist beim allerersten Weihnachten auf diese Welt gekommen und seitdem ist er da. Auch für dich. Jeden Advent dürfen wir uns neu darüber freuen, dass Jesus in diese Welt gekommen ist, und das an Weihnachten feiern.

Wir tun im Dezember oft so, als müssten wir Weihnachten herbeischaffen. Eigentlich ist es genau umgekehrt. Weil Jesus uns entgegenkommt, weil er unser Aufwind sein möchte, weil er uns und unser volles Leben kennt … deswegen schenkt er uns den Advent. Als eine Zeit, in der wir loslassen dürfen. Sehen und erleben können, dass es nicht an uns hängt, dass wir das Wesentliche nicht machen können. Es wird uns geschenkt.

Drei erste Schritte aus dem Vorweihnachtsstress

Drei kleine Ideen. Nimm dir, was zu dir passt.

1. Eine Kerze anschauen. Auf vielen Tischen steht im Dezember ein Adventskranz, und meistens brennt er nebenher, während wir was anderes machen (bei mir jahrelang auch). Wenn es sich ergibt, setz dich mal fünf Minuten davor, ohne Programm, und schau einfach ins Licht. An manchen Tagen klappt das nicht, dann brennt die Kerze eben weiter, und das ist auch in Ordnung.

2. Eine Sache im Voraus streichen. Nimm dir den heimlichen zweiten Kalender vor, am besten bevor der Dezember losgeht, mittendrin geht’s aber auch, und streich einen Punkt. Die dritte Plätzchensorte. Die eine Feier, zu der du eh nur aus Pflicht gehst. … Was du in Ruhe vorher entscheidest, musst du später nicht unter Druck (und schlechtem Gewissen) absagen. Und manchmal lässt sich halt gar nichts streichen, weil jeder Termin wirklich sein muss, dann weißt du zumindest, was auf dich zukommt, und kannst dich darauf einstellen.

3. Die kleine Vorfreude. Frag dich einmal am Tag, worauf du dich eigentlich freust. Vorfreude ist sozusagen die Warte-Form der Freude, und sie lässt sich auch als Erwachsener wiederfinden. Wenn dir an einem Tag nichts einfällt, darf die Frage einfach offen bleiben, oder du fragst mal ein Kind. Die Antworten sind da oft sehr inspirierend, weil Kinder das noch können mit dem Warten und der Vorfreude.

Wenn du dir fürs Warten ein bisschen Begleitung wünschst, hab ich für den Dezember einen Adventskalender geschrieben. Zugegeben, auch der zählt bis Heiligabend. Aber ganz ohne Stress oder Leistungserwartungen. In jedem Türchen wartet ein Wort aus der Weihnachtsgeschichte, das dich morgens ein Stück begleitet, und manchmal ist die Idee für den Tag die Kerze aus Schritt 1. Der Kalender kommt kostenlos per Mail, und wenn mal ein Türchen liegen bleibt, wartet es eben auf dich. Eintragen kannst du dich gleich hier drunter, dann kommt ab dem 1. Dezember jeden Morgen um sechs ein Türchen.

Du musst Weihnachten nicht machen.
Es kommt. Auf dich zu.
Ich wünsche dir, dass du es kommen siehst,
und dich von Herzen vorfreuen darfst.


Kostenloser Adventskalender per Mail
24 Worte bis zur Krippe
Vom 1. bis 24. Dezember jeden Morgen um sechs ein Wort aus der Weihnachtsgeschichte. Drei Minuten, bevor der Tag laut wird.
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Häufige Fragen

Wie kann ich Vorweihnachtsstress vermeiden?

Ganz vermeiden lässt er sich selten. Leichter wird es mit ein paar kleinen Ankern: eine Verpflichtung, die du schon vor dem Dezember streichst, ein paar Minuten am Tag vor der Kerze und die Frage, worauf du dich freust. Dazu die Erlaubnis, dass nicht alles fertig werden muss.

Was bedeutet Advent eigentlich?

Advent kommt vom lateinischen „adventus“, Ankunft. Christinnen und Christen erwarten im Advent das Kommen Jesu, an Weihnachten in der Krippe und in ihrem eigenen Leben, und sie hoffen auf Gottes Zukunft. In der alten Kirche war der Advent eine stille Zeit mit Fasten, in manchen Traditionen ist er das bis heute. Advent heißt vor allem, offen zu werden für den, der kommt.

Warum fällt uns Warten heute so schwer?

Wir üben es kaum noch. Streaming, Sofortlieferung und ständige Erreichbarkeit haben viele Wartezeiten verkürzt. Außerdem kommen beim Warten Müdigkeit und Sehnsucht hoch, wenn nichts ablenkt, manchmal auch Trauer. Das kann guttun und kann auch schwer sein. Dann darfst du dir Gesellschaft suchen.

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Bild: privat.

Von Heiko Metz

Heiko Metz ist evangelischer Theologe, Autor und geistlicher Begleiter. Er schreibt über Alltagsmystik: eine Spiritualität, die in den ganz normalen Tag passt, statt ihn noch voller zu machen. Das Funktionieren bis zum Anschlag kennt er von innen: aus einem eigenen Burnout und aus dem Familienleben mit einem Sohn mit dem seltenen Kabuki-Syndrom. Was ihn trägt, ist ein Gott, der einlädt statt anzutreiben. Von ihm erschienen sind „Warten. Staunen. Bleiben." (2025) und „Einfach mal durchatmen" (2026); sonntags schreibt er den Newsletter „Stille Post", einmal im Monat spricht er im Podcast „Pausentaste" eine geführte Stille.

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