Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch im IKEA.

Kategorisiert als Familie & Inklusion
Ein Puddingglas mit Löffel als Sinnbild für Inklusion im Alltag - Heiko Metz

Bin mit dem Jüngeren im IKEA. Sitze mit einem Kaffee im „Retauron“ (wie der Jüngere sich auszudrücken beliebt). Für den Sohn gibts einen Schokopudding, den er mit lautem „Hm, lekka. Papa, willt du pobieren?“ rührt, anleckt und dabei über den Rand des Glases schmiert. Wirklich essen kann man das jetzt nicht nennen, aber das hatte ich auch gar nicht erwartet. „Der is köslich!“, lässt sich der Sohn neben mir vernehmen. „Hat ich ein Glück!“. So weit, so schön, so normal (für uns). Der Jüngere hat das Kabuki-Syndrom. Was das ist, steht hier.

Durch den Gang laufen naturgemäß viele Leute. Ein etwa kindergartenalter Junge läuft mit seinem Papa vorbei, fixiert den Jüngeren währenddessen und fragt dann mit erhobener Stimme: „Papa, was ist mit dem Jungen?“ Der Angesprochene verzieht kurz das Gesicht und sagt dann nicht weniger laut. „Weiß nicht. Ist halt behindert. Sieht man doch. Also anders. Komisch … und dumm. Jetzt komm weiter.“

Die Würde des Menschen ist unantastbar?!
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 1

Was bin ich froh, dass der Jüngere gerade so mit seinem Pudding beschäftigt ist, dass er nichts davon mitbekommen hat.

Das ist der Moment, in dem aus dem schönen Wort Inklusion Alltag wird. Oder eben nicht.

Was „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ im Alltag bedeutet

Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Der allererste Satz. Die Mütter und Väter der Verfassung haben ihn ganz nach vorn geschrieben, damit ihn niemand übersieht. Vor die Freiheit, vor die Wahlen, vor alles andere.

Und dann steht ein Vater im Möbelhaus und sagt: dumm.

Würde entscheidet sich nicht in Karlsruhe. Sie entscheidet sich zwischen Regal und Restaurant, an Bushaltestellen, in Wartezimmern, auf Spielplätzen. In Blicken. In Sätzen im Vorbeigehen.

Und sie hängt an nichts. Nicht an Schulnoten, nicht am Lebenslauf, nicht daran, ob einer seinen Pudding ordentlich isst. Würde muss man sich nicht verdienen. Das ist der ganze Witz an Artikel 1.

Als Theologe glaube ich sogar noch mehr: dass der Jüngere Gottes Ebenbild ist. Genau so, wie er ist, mit Schokopudding bis unter die Augen. Aber das muss hier niemand glauben. Für den IKEA-Gang reicht Artikel 1.

Woran Inklusion im Alltag scheitert

Auf dem Papier sieht es gut aus. Es gibt Gesetze, Konventionen, Beauftragte. An Rampen wird gebaut.

Und dann kommt so ein ganz normaler Nachmittag im Möbelhaus. Es war ja nicht das erste Mal. Wir erleben so was immer wieder. Im Bus. In der Stadt. Im Wartezimmer … Meistens bleibt es bei Blicken. Dieser Satz im IKEA war lauter und heftiger. Aber er kam aus derselben Ecke.

Und wenn ich nicht so perplex gewesen wäre … oder der Jüngere den Verbaldurchfall neben uns mitbekommen hätte, ich hätte mich sicher zu einer Erwiderung aufgerafft. Gleichzeitig wünschte ich mir im Nachhinein, dass einer von uns, die das alle mitgehört haben, etwas gesagt hätte. Mich eingeschlossen.

Der Satz dieses Vaters hat wehgetan. Das Schweigen drumherum fast noch mehr. Dabei saß ich mittendrin und habe selbst geschwiegen. Nicht aus Gleichgültigkeit. Aus Überforderung. Ich glaube, so ging es den meisten, die da standen.

Dürfen Kinder fragen, warum jemand behindert ist?

Unbedingt. Bitte sogar.

Dass der Junge gefragt hat, ist überhaupt kein Problem. Kinder sehen genau hin. Sie merken, dass da einer ist, der anders isst, anders spricht, anders guckt als sie selbst, und fragen laut nach dem, was sie sehen. Das ist keine Unhöflichkeit, das ist Neugier. Und Neugier ist der Anfang von allem, was später mal Normalität und gutes Miteinander heißt.

Das Problem war die Antwort. Eine gute hätte keine zehn Sekunden gedauert: „Das ist ein Junge, genau wie du einer bist. Und Schokopudding mag er offenbar genauso gern wie du.“ Fertig. Der Kleine hätte gelernt, dass anders einfach anders und kein Grund für Befremdlichkeiten ist, und ich hätte in Ruhe meinen Kaffee weitergetrunken.

Was tun, wenn du so eine Szene erlebst?

Ich habe an dem Tag nichts gesagt. Zu perplex. Zu sehr damit beschäftigt, froh zu sein, dass der Jüngere nichts gehört hat. Das wurmt mich bis heute. Deshalb steht hier, was ich mir seitdem zurechtgelegt habe. Vielleicht hilft es dir.

Du musst keine Rede halten. Ein Satz reicht. Zum Kind gewandt: „Das ist einfach ein Junge wie du. Und er isst gerade Pudding.“ Oder Richtung Erwachsenem schlicht: „Das war gerade nicht okay.“

Und wenn dir keiner davon über die Lippen kommt: ein freundlicher Blick zu den Eltern, ein Lächeln zum Kind mit dem Pudding. Auch das ist eine Antwort. Und wenn du einfrierst, so wie ich an diesem Tag: Das ist keine Schande. Der Schreck ist schneller als jeder gute Satz. Der darf dann beim nächsten Mal kommen.

Der Jüngere hat seinen Pudding übrigens bis auf den letzten Schmier verputzt. „Hat ich ein Glück!“

Stimmt. Hat er. Haben wir.

Und beim nächsten Satz im Vorbeigehen, egal in welchem Möbelhaus: Ich will was sagen. Vielleicht du auch. Für die, die gerade mit ihrem Pudding beschäftigt sind.

Eins noch.

Tage wie dieser kosten Kraft. Nicht der Pudding. Die Sätze.

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Bilder: Claude Design

8 Kommentare

  1. Hallo Heiko,
    obwohl unser Sohn „nur“ schlimme Neurodermitis (auch im Gesicht) hatte, kenne ich ähnliche Kommentare von Erwachsenen. Das „harmloseste“ war der geflüsterte Satz „sowas fragt man nicht“. Bedeutet eigentlich „darüber redet man nicht“. Wenn es mir gut genug ging, habe ich den Kindern erklärt, was los ist. Ich finde es gut, wenn sie fragen und lernen mit „andersartigen“ Kindern/Menschen umzugehen beziehungsweise, dass Andersartigkeit normal ist. Den ersten Artikel unseres Grundgesetzes wirklich zu leben, ist wohl die größte Herausforderung der Menschheit …
    LG Ursula

    1. Hallo Ursula,
      ja, die Herausforderung ist riesig, da hast du wohl recht!
      Ich finde eine ehrliche Kinderfrage total gut und wichtig. Sie sind einfach ehrlich. Ihnen fällt etwas auf und sie wollen es verstehen.
      Und wenn man dann einfach normal drüber sprechen kann, ist das Thema meistens schnell erledigt. Und dann kann Miteinander entstehen.
      Das könnten wir viel öfter brauchen 🙂
      Gruß, Heiko

  2. Lieber Heiko,

    was für eine dumme Antwort eines achtlosen, desinteressierten Vaters auf die neugierige, wissbegierige Frage seines Kindes! Es tut mir sehr leid, dass du das hören musstest.
    Anlässlich des Europatages hat meine große Tochter in der Schule im Rahmen des Erasmus-Projektes zum Thema Ableismus gearbeitet und die Ergebnisse öffentlich ausgestellt. Es gibt hier wie auch zu anderen Themen wie Bodyshaming, Sexismus und Rassismus noch viel zu tun – in den Köpfen der Menschen und im alltäglichen Miteinander. Um die Würde des Menschen tatsächlich zu wahren.
    Sehr herzlich
    Pia

  3. Lieber Heiko,
    was für ein guter Gedanke, den 75. des Grundgesetzes zum Anlass zu nehmen, auf die Lage und Herausforderungen von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen.
    Die von dir geschilderte Situation lässt mich sprachlos zurück. Da fehlte leider schon beim Erwachsenen eine „gute Kinderstube“. Wie sonst lassen sich solche Äußerungen und die deutlich fehlende Empathie erklären? Schade, dass das nun so ans Kind weitergegeben wird.
    Ich fürchte, da ist noch viel Luft nach oben, wenn ich mir das so bedenke.
    Und ja, du hast recht, wir alle müssten uns in einer solchen Situation angesprochen fühlen. Denn du als Elternteil bist von den täglichen Herausforderungen müde, vollkommen verständlich. Es wäre also ganz im Sinne der Solidarität in unserer Gesellschaft, die Last auf viele Schultern zu verteilen.
    Gut, dass dein Sohn das nicht mitbekommen hat. Ein Stachel bleibt trotzdem.
    Ich wünsche dir viele andere Erlebnisse.
    Herzliche Grüße
    Irina

    1. Hey Irina,
      vielen Dank dir. Die anderen Erlebnisse gibt es auf jeden Fall auch. Und so lange die positiven leicht überwiegen, sitzt der Stachel auch nicht zuuuu tief.
      Ich war kürzlich bei einer Lesung mit Bundespräsident a.D. Joachim Gauck. Einer seiner Sätze, der mir hängen geblieben ist, war: „Man krepiert nicht an Zivilcourage. Im Gegenteil: Das ist eine Menschenmöglichkeit.“ Das dürfen wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, denke ich.
      Gruß, Heiko

  4. Lieber Heiko, ich finde es spannend, dass auch du die Idee zu einem Artikel über das Grundgesetz hattest. Genau solche Situationen, wie du sie hier schilderst, sind es, die ein Einstehen füreinander so wichtig macht. Zu hören und zu sehen, was gesagt und zu wem es gesagt wird, wäre ein Anfang. Zu erkennen, dass du als Vater zu perplex warst, um etwas zu erwidern und auch zu müde. Ich bin Therapeutin und als solche für die Innenschau, den Selbstbezug der Menschen tätig, aber eben auch für gute Verbindungen zu anderen Menschen. Die letzten Jahre waren geprägt von Persönlichkeitsentwicklung und Besinnung auf das, was im Inneren des Menschen vor sich geht, allerdings vermute ich, wir haben als Gesellschaft dabei ein wenig den Blick nach Außen vergessen. Die Wachsamkeit und Fürsorge füreinander, die gegenseitige Unterstützung. Je mehr Menschen mit sich selbst in Balance kommen, desto mehr scheint es Außen ins Ungleichgewicht zu geraten. Die Würde des Menschen ist unantastbar, das sollte für die Würde jedes einzelnen Menschen gelten, nicht nur für die Menschen in der eigenen Blase. Danke für deinen Beitrag. Herzliche Grüße Sylvia

    1. Hallo Sylvia,
      ja, da ist viel Wahres dran, glaube ich.
      Am Ende benötigen wir gute Beziehungen zu uns selbst, genauso wie zu anderen. Und dazu noch eine zur (Um-)Welt und zu etwas Höherem, Größeren als ich (in meinem Fall ist das Gott). Das hilft uns, ausgeglichener und achtsamer zu sein. Und auch mal für andere auf- und einzustehen. Dafür lohnt sich jedes Coaching, jedes Gespräch etc. finde ich.
      Gruß, Heiko

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